Der Tag; © rbbKultur
Bild: Christoph Soeder/dpa

Bundes-Notbremse - Ausgebremst - Die Kultur im Bevölkerungsschutzgesetz

Heute passiert das Gesetz zum Schutz vor Corona-Infektionen den Bundestag, anschließend den Bundesrat. Was bedeutet das für die Kultur? Warum wird es keine Veranstaltungen im Freien geben? Warum keine Pilotprojekte? Konnten Carsten Brosda und Klaus Lederer ihre Verbesserungsvorschläge im Bundesrat durchsetzen? Ein Kommentar von Maria Ossowski.

Es steht fest. Alle kulturellen Veranstaltungen werden mit diesem Gesetz verboten, wenn die Inzidenz drei Tage hintereinander 100 überschritten hat. Fünf Werktage muß sie unter hundert liegen, faktisch eine Woche, wenn Kinos, Konzerthäuser oder Theater danach wieder öffnen wollen. Alle hervorragenden Hygienekonzepte, oft mit hohen Investitionen umgesetzt, sind nicht berücksichtigt. Die Pilotprojekte, die zeigten: niemand steckt sich in der Philharmonie oder im Berliner Ensemble an, wenn alle sich an die Regeln halten - sie werden ignoriert.

Die dringenden Appelle von den Kultursenatoren Klaus Lederer, Berlin, und Carsten Brosda, Hamburg, wenigstens Open Air zu erlauben, haben nicht gefruchtet. Beide sitzen im Bundesrat. Beide scheinen kein Gehör bei ihren KollegInnen zu finden. Wahlen gewinnt man eben eher im Baumarkt als im Theater, viele PolitikerInnen scheinen jedes kulturelle Verantwortungsbewusstsein verloren zu haben. Es ist ein Gesetz aus dem Kanzleramt. Dort angesiedelt ist auch die Funktion der Kulturstaatsministerin.

Monika Grütters kann deshalb nicht gegen ein Gesetz aus dem eigenen Haus protestierten, selbst wenn sie vermutlich recht unglücklich ist damit. Spätestens jetzt zeigt sich: ein vom Kanzleramt unabhängiges Kulturministerium ist dringend nötig. Da das Gesetz u.a. auch die Gastronomie, die Hotellerie und die Veranstaltungswirtschaft in den Ruin treiben kann, ist die Kultur nur ein Problemfall unter vielen. So verzweifeln die hoch engagierten Kulturverbände, die seit Wochen Sturm laufen gegen die undifferenzierten Verbote.

Die besondere Rolle der Kultur wird nicht gewürdigt, die Kunstfreiheit ist kein Thema. Die Kulturleute sollen sich nicht so anstellen, die empathiefreie Order der nordrhein-westfälischen Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Pönsgen wirkt noch nach. Ironie hilft bei der Frage, welche Alternativen dann für diesen Sommer bleiben, so nicht ein Wunder geschieht und die Zahlen mit den Impfungen sinken.

Vielleicht eine kleine, intime Serenade im Hinterhof? Nein, verboten! Erlaubt, wenn ein Solo-Geiger dort übt. Auch zuhören ist möglich, aber nur alleine, also nur, wenn Sie Unkraut zupfen, Fenster putzen oder den Müll runterbringen. Dann dürfen Sie genießen, aber Vorsicht, ab und zu muß ein falscher Ton dabei sein, sonst wird aus Etüden ein Konzert. Am besten sollten KünstlerInnen nur Tonleitern spielen, dann sind alle auf der sicheren Seite.

Hamlets Monolog mit Maske im Supermarkt vor dem Regal mit den Prinzenrollen? Sein oder Nichtsein, es wäre skurillerweise erlaubt im korrekten Abstand der Einkaufswagen. Möglich wäre auch eine Premiere um Hamlet, den Prinzen vom Dänemark im Dänischen Bettenlager, aber natürlich nur mit vorheriger Anmeldung und negativem Test.

Ganz im Ernst: in diesem Gesetz ist leider nirgendwo zu spüren, dass sich unsere Volksvertreter besondere Mühe gegeben hätten, die gesamtgesellschaftliche Bedeutung der Kultur angemessen zu würdigen, z.B. durch ein wenig Verständnis für aufführungspraktische Probleme. Verbote sind leichter zu ertragen, wenn sie weniger pauschal, sondern differenzierter daherkommen. Kulturmacher und Kulturgeniesser waren und sind zu allem bereit, Nibelungenring mit FFP 2 Maske, Figarochor ebenfalls maskiert, Massentests vor dem Konzerthaus. Wir achten die Sorge um die Gesundheit aller, wir sind das Gegenteil von Coronaleugnern, aber wir sind ob dieses Rasenmäherprinzips in einem Gesetzestext nur noch erschüttert.
Maria Ossowski, rbbKultur

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Kommentarfunktion zum Kommentieren von Beiträgen.