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Der feine Unterschied - Die feministische Kolumne von Heide Oestreich - Rainbow Nations

Tausende Fußballfans haben über Nacht die Solidarität mit Schwulen und Lesben entdeckt und schwenken begeistert Regebogenfähnchen. So schnell hat die UEFA nicht schalten können wie gestandene Südkurvengröler*innen plötzlich LGBTIQplus sagen können. Viktor Orban machts möglich – und Heide Oestreich ist bezaubert von der Wirkung, die die ungarische Homophobie entfalten konnte.

Meine Freundin Sandra ist seit ein paar Jahren Single. Alleinerziehende Mutter dreier Töchter. Ihr Mann: Weg, mit einer anderen. Er habe Sandra eigentlich nie so voll und ganz geliebt - das waren seine erbaulichen Abschiedsworte.

Die Tiefenstruktur darunter hat sich ihr erst gerade erschlossen: Da starb der Vater ihres Exmannes - und erst als sein Pfleger sich als Alleinerbe im Testament fand, wurde offenbar: Der Schwiegerpapa war schwul, der Pfleger jahrelang sein Geliebter. Er hatte eine Scheinehe geführt mit der Schwiegermama, deren Depressionen und frühen Tod sich nie jemand so recht hatte erklären können.

Das war die Tiefenstruktur, die bis zu Sandra wirkte: Sie versteht jetzt, warum ihr Mann sich mal eben eine vierköpfige Familie zulegen konnte, ohne sie wirklich zu lieben. Er hatte nicht erlebt, wie das geht, so eine auf Liebe gebaute Familie.

Das ist nur eine Geschichte, die ich zufälligerweise miterlebt habe. Es gibt andere, ungleich dramatischere. Wieviele homo- oder transsexuelle Menschen werden krank, depressiv, nehmen sich das Leben, werden gedemütigt, verletzt, geschlagen und ermordet. Der einzige Grund: Ein verqueres, auf magischem Denken beruhendes Bild von Partnerschaft und Liebe. Irgendetwas Schlimmes passiert, wenn zwei Männer oder zwei Frauen sich lieben. Ein Bild, das ähnlich sinnvoll ist wie Voodoo und Tieropfer: Es gibt sicher Menschen, die sich besser fühlen, wenn sie ihre fragile Identität über die Abwertung von Homosexualität stabilisieren können. Aber das ist ja wohl ein denkbar bekloppter Grund dafür, Menschen zu diskriminieren und in den Tod zu treiben.

Hätte der Schwiegervater von Sandra schon in der Grundschule gelernt, dass auch zwei Männer sich lieben können und sogar eine Familie gründen, dann hätte sich das Unglück dieser Erde mindestens um einen Mann, eine Ehefrau, zwei Kinder, eine Schwiegertochter und deren drei Töchter vermindert. Ganz schön viele. Und das sind nur die, die ich kenne. Sie selbst kennen sicher auch noch je ein Dutzend.

Und jetzt? Winken wir alle mit Regenbogenfahnen. Typisch, dass die Heten genau jetzt alle diese Fähnchen hissen, wo wir die Rückständigkeit nach Ungarn auslagern können. Kleine Erinnerung gefällig: Kein aktiver männlicher Fußballprofi wagt es in Deutschland, sich als schwul zu outen, keiner. Komisch, was? Vielleicht öffnet jetzt ausgerechnet Viktor Orban ihnen die Tür dafür. Denn unfreiwillig hat er etwas gegründet, das sämtlichen Queer-Aktivist*innen zuvor nicht gelungen ist: die vereinten Rainbow-Nations von Europa.