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Diskussion um die Glaubwürdigkeit der grünen Spitzenkandidatin - Plagiatsvorwürfe gegen Annalena Baerbock: Wird sie mit zweierlei Maß kritisiert?

Der grünen Kanzlerkanditatin Annalena Baerbock wird vorgeworfen, für ihr Buch "Jetzt. Wie wir unser Land erneuern" an fünf Stellen abgeschrieben zu haben. Doch es scheint so zu sein, als hätte Baerbock Sachinformationen übernommen und nicht Gedanken und Ideen. Dennoch ist die Aufregung groß und wieder geht es um die Glaubwürdigkeit der grünen Spitzenkandidatin. Über die Angriffe gegen Annalena Baerbock sprechen wir mit Martin Emmer, Professor für Kommunikationswissenschaft an der FU Berlin.

rbbKultur: Herr Emmer, wie bewerten Sie die Plagiatsvorwürfe gegen Annalena Baerbock?

Emmer: Aus wissenschaftlicher Sicht würde ich das nicht als Plagiat bezeichnen. Das wurde auch nicht gemacht, weil sich forschungsethische Fragen da nicht in den Vordergrund drängen. Am Ende bewegt sich das, was da kopiert wurde, auf dem üblichen politischen Phrasenniveau. Man könnte bestenfalls zivilrechtlich die Urheberschaft in Anspruch nehmen. Aber ich glaube, die Schöpfungshöhe ist nicht so hoch, als dass es wirklich Sinn machen würde. Insofern bleibt dieser Peinlichkeitseffekt übrig, der für Frau Baerbock sicher ein gewisses Problem ist.

rbbKultur: Nun sprechen die Grünen von einer gezielten Kampagne gegen ihre Kanzlerkandidatin – das Wort Rufmord ist gefallen. Ein Anwalt soll helfen. Finden Sie diese Reaktion der Grünen angemessen?

Emmer: Das zeigt, dass die Grünen aus dieser Verteidigungsstellung heraus in die Offensive gehen wollen. Auf der anderen Seite ist es ein bisschen problematisch, weil man trotzdem eine Opferrolle für sich reklamiert. Letztlich bleibt man auf diesem defensiven Schlachtfeld. Und wenn man sich mal die anderen Kandidaten ansieht - Herrn Scholz und Herrn Laschet - die haben auch ihre Probleme gehabt und eher versucht, durch das Ignorieren dieser Skandale damit umzugehen. Und das ist eine Strategie, die häufig etwas effektiver ist, weil man damit solche Themen schneller aus den Medien wieder rausdrängen kann.

rbbKultur: Nehmen wir mal die sogenannte Noten-Affäre um Armin Laschet: Was war genau los und wie hat er das aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit wieder rausgekriegt?

Emmer: Er hat als Lehrbeauftragter an der Universität – der Horror für jeden Lehrbeauftragten - offenbar die Prüfungsarbeiten verloren und dann aus dem Gedächtnis die Noten rekonstruiert. Da gab es eine ganze Menge Konflikte und Probleme. Aber das ist eben ein Thema, das auch peinlich ist, aber das er von sich aus nie thematisiert hätte. Und wie die Grünen daraus nochmal ein Thema zu machen, ist das genaue Gegenteil: Man versucht, das Thema weiter am Kochen zu halten, was ich für die Grünen nicht für besonders zielführend halte.

rbbKultur: Es sind nun nicht die ersten Vorwürfe gegen Annalena Baerbock. Es wurde ihr schon vorgeworfen, ihren Lebenslauf aufgehübscht und ihre Nebeneinkünfte erst nachträglich angemeldet zu haben. Ich habe schon ein bisschen den Eindruck, dass es Leute gibt, die nach jedem Krümel gucken. Die wollen ihr unbedingt am Zeug flicken. Ist mein Eindruck falsch?

Emmer: Ihr Eindruck ist bestimmt nicht falsch. Man kennt so etwas schon lange. Als Kampagnenstrategie in den USA gibt es das schon seit Jahrzehnten, dass ganze Teams gebildet werden, die im Leben der Gegenkandidaten herumkramen und negative Dinge finden wollen. Darauf muss man eigentlich vorbereitet sein. Ich bin, ehrlich gesagt, auch ein bisschen überrascht, dass das so einfach war in diesem Fall. Da hätte ich erwartet, dass die Kampagnenplanung der Grünen ein bisschen stärker ein Auge darauf hat.

Ein zweiter Aspekt ist vielleicht, dass sie natürlich auch schon ein bisschen anfälliger ist durch ihre Person. Wir wissen aus der Forschung, zum Beispiel aus dem Hatespeech-Bereich, dass Frauen, junge Menschen, Linke, Grüne etc. sehr viel stärker massiven Widerstand und Hass auslösen im Vergleich zu Herrn Scholz oder Herrn Laschet.

rbbKultur: Woran liegt das?

Emmer: Das hat zum Teil tief eingefahrene Gründe. Misogynie, also Frauenfeindlichkeit, ist in unserer Gesellschaft in manchen Bevölkerungsgruppen einfach stark verankert und man fühlt sich dann herausgefordert. Dann sind Parteien auf der linken Seite, progressive Parteien, eben immer auch Parteien, die eine Gefahr für Besitzstände darstellen können. Das sind bestimmte Milieus in unserer Gesellschaft, die sich dadurch dann schnell bedroht fühlen und sehr aggressiv reagieren.

Dazu kommt in Wahlkämpfen auch, dass es eine ganze Menge von strategischen Akteuren gibt, aus dem In- und Ausland, die solche Konflikte gerne noch befeuern und hochkochen, weil sie sich davon etwas versprechen.

rbbKultur: Wie schätzen Sie es ein? Viel Lärm um nichts? Oder ist die Glaubwürdigkeit von Annalena Baerbock bereits längerfristig beschädigt worden?

Emmer: Letztlich sind die Probleme, die sie hatte, für sich genommen im Einzelfall nicht so dramatisch. Es kann aber schon sein, dass, wenn es dauerhaft zu so einem Medien-Frame wird, wenn ein Skandal auf den anderen kommt, das nicht unwahrscheinlich ist. Dann kann immer etwas hängenbleiben. Wobei man natürlich sagen muss, dass die anderen Kandidaten auch ihre Probleme haben und Wege gefunden haben, damit umzugehen.

Das Gespräch führte Peter Claus, rbbKultur. Es handelt sich um eine redigierte Fassung. Das Interview können Sie als Audio nachhören.

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