Der Tag; © rbbKultur
Bild: Nicolas Mahler

Der Autor zeichnet Comics zu Proust, Bernhard oder Joyce - Nicolas Mahler: "Mir sind Bücher eigentlich immer viel zu lang!"

"Alte Meister" von Thomas Bernhard, "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" von Proust oder "Ulysses" von James Joyce: Graphic Novel-Autor Nicolas Mahler schreibt und zeichnet große Romane radikal um. Warum er das tut und warum er damit so erfolgreich ist? Heute ist Nicolas Mahler zu Gast auf rbbKultur.

rbbKultur: Für den Schriftsteller Thomas Bernhard war seine Zeit in Wien eine verlorene Zeit, weil er gezwungen war, in dieser bewunderungswürdigen Architektur mit ihren Bewohnern zusammenzutreffen. So etwas liest man im neuen Buch des Wiener Comic-Künstlers Nicolas Mahler - und das ist noch eine der menschenfreundlichsten Aussagen in dem Buch, das den Titel "Die unkorrekte Biografie" trägt. Herr Mahler, wie geht es Ihnen denn als Bewohner von Wien, wenn Sie so einen Satz über die Wiener lesen?

Mahler: Als Österreicher, besonders als Wiener, sagt man ja von je her: die Leute sind das Problem. Weniger die Landschaft oder der Gebäude, sondern das Schwierige sind immer die Leute. Das hat natürlich mit einigen Dingen zu tun.

Nicolas Mahler: "Thomas Bernhard. Die unkorrekte Biografie" © Suhrkamp
Bild: Suhrkamp

Was mir zum Beispiel auffällt, wenn ich in Berlin oder in anderen Städten bin: die Gehsteige sind anderswo schon viel breiter als in Wien. In der Gasse in Wien, in der ich wohne, können gerade mal zwei Leute nebeneinander auf dem Gehsteig gehen. Das heißt, wenn man zu zweit nebeneinander geht und es kommt einem jemand entgegen, ist man schon genervt. Die Leute sind das Problem. Und je enger der Raum ist, in dem man sich bewegen muss, desto größer ist das Problem. Wobei man aber auch sagen muss, dass sich seit den 80er-Jahren in Wien schon einiges getan hat. Die legändere Unfreundlichkeit in Wien hat sich verschlechtert und die Freundlichkeit ist gestiegen.

rbbKultur: Zu Ihrem Buch muss man ganz objektiv sagen, dass es ein Glücksfall ist, weil da zwei Übertreibungskünstler aufeinandertreffen - zwei Spezialisten für das Böse, für das Komische, für das Pointierte: Sie und Thomas Bernhard. Sie hatten bereits vorher zwei Comic-Version von Thomas Bernhards Texten vorgelegt - von "Alte Meister" und "Der Weltverbesserer". Jetzt haben Sie diese "unkorrekte Biografie" veröffentlicht. Thomas Bernhard scheint Ihnen nahe zu sein. Warum ist das so?

Mahler: Thomas Bernhard ist mir vor allem vom Humor her sehr nahe. Viele kennen ihn ja eher als Figur oder als Personen und aus seinen Interviews, die schon sehr unterhaltsam sind, und vielleicht weniger von den teilweise wirklich ernsten Büchern. Eigentlich bin ich zu Bernhard über seine halbautobiografischen Bücher gekommen, die ja sehr ernst sind. So habe ich ihn eigentlich schätzen gelernt. Später habe ich dann mehr den Humor herausgelesen. Wahrscheinlich habe ich als jüngerer Leser mehr den ernsten Bernhard geschätzt und mittlerweile eher den teilweise versteckten Humor.

rbbKultur: Der Humor, den Sie in Ihre Bücher reinbringen, funktioniert zum Teil auch über Ihre Bilder. Sie haben zum Beispiel für Thomas Bernhard in diesem Buch einen Begleiter gezeichnet, den Todesvogel. Das hat natürlich einen sehr ernsten Hintergrund, das hat mit der schweren Erkrankung Thomas Bernhards zu tun. Dieser Todesvogel sieht allerdings nicht besonders furchterregend aus, sondern es ist ein kleines missgelauntes Wesen, das eher wie eine kleine Schildkröte mit Riesenschnabel aussieht. Was zeigt denn dieses Wesen für Sie?

Mahler: Das "Todesvogerl", wie es eigentlich heißt, ist eine Schöpfung von Bernhard selber. In einem Interview hat er seine Erkrankungen so umschrieben, dass er immer das Todesvogerl auf der Schulter sitzen hat. Dann hat er sich gleich selber analysiert, dass er anscheinend über solch schwere Themen wie Krankheit und Tod nur in seiner verwitzelten Form reden kann. Dadurch ist das nicht weniger ernst, sondern klingt einfach nur lustiger. Das ist für mich einfach das perfekte Bild, wie man etwas Ernstes auf eine humoristische Art und Weise erzählen kann. Deswegen habe ich mir gedacht, dass die Krankheit, die sich durch den Großteil seines Lebens gezogen hat, auch Teil meines Buches sein muss. Mit der Figur des Todesvogels kann ich seine Krankheit im Bild darstellen. Das ist natürlich ein Komiker-Effekt: Wie so oft im Humor-Metier stellt man einer ernsten Figur einen humoristischen Sidekick zur Verfügung – in diesem Fall ist es ein Abgesandter des Todes.

rbbKultur: Das mit den Krankheiten von Thomas Bernhard entspricht der Wahrheit. Aber vieles in Ihrem Buch stimmt eben auch nicht. Ihr Buch heißt nun mal auch "Die unkorrekte Biografie". Was ist denn vor allem das Unkorrekte daran?

Mahler: Das Unkorrekte daran ist, dass ich mit den Quellen, die ich natürlich schon sehr genau studiert habe, nicht wirklich 100 Prozent seriös umgehe. Wenn man eine Biografie schreibt, muss man sich schon Freiheiten herausnehmen: Man muss verkürzen, verknappten, einige Dinge passen einfach nicht rein, andere Dinge schiebt man vielleicht an eine andere Stelle, wo sie besser hinpassen. Das sind schon Verschiebungen und Eingriffe in einen richtigen Lebenslauf. Wenn ich es dann auch noch zeichne, kommt noch eine Ebene dazu, die noch mehr dazu geeignet ist, Dinge zu verfälschen. Das ist der Hinweis darauf, dass das nicht die Arbeit eines Germanisten ist, der auf totale Seriosität Wert legt, sondern dass es vor allem mein Anspruch war, dieses Buch ungezwungen zeichnen zu können. Wenn mir eine Idee kommt, die schon ein bisschen abschweift, dann möchte ich mir die Freiheit erlauben, sie trotzdem reinzunehmen ins Buch

Nicolas Mahler: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit © Suhrkamp
Bild: Suhrkamp

rbbKultur: Sie haben nicht nur zwei Werke von Thomas Bernhard in Comicbücher verwandelt, es gibt auch Ihre Versionen von "Alice im Wunderland", von Musils "Der Mann ohne Eigenschaften", von "Ulysses" und "Finnegans Wake", den modernen Romanen von James Joyce, und von Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" - um nur einige zu nennen. Was ist für Sie der spezielle Spaß daran, sich immer wieder solche großen Klassiker vorzunehmen?

Mahler: Es ist für einen Zeichner immer sehr gut, wenn man ein Material als Ausgangsmaterial hat, das beim Leser schon mit bestimmten Vorstellungen verkoppelt ist, so dass man darauf aufbauen kann. Dafür ist es gut, Figuren und auch Autoren zu haben, die bei vielen ein inneres Bild auslösen. Meine Zeichnungen entsprechen zum Großteil diesem inneren Bild wahrscheinlich gar nicht - das ist für mich schon einmal ein humoristischer Effekt und wahrscheinlich der Hauptgrund, überhaupt Bücher zu nehmen und sie stark zu kürzen - weil mir eigentlich alles immer viel zu lang ist.

rbbKultur: Aber das Paradoxe daran ist doch, dass Sie die Bücher vorher lesen müssen! Oder machen Sie das etwa nicht?

Mahler: Ich lese sie schon und natürlich auch mehrmals stellenweise. Ich bin aber ein Leser, der sehr schnell genervt ist von bestimmten Dingen, die eigentlich nicht ins Buch hineinpassen. Zum Beispiel hat mich bei "Der Mann ohne Eigenschaften" immer gestört, dass der Mann ohne Eigenschaften einen Namen hat. Das finde ich unstimmig. Wenn das Buch "Der Mann ohne Eigenschaften" heißt, dürfte er für mich auch keine Namen haben. Ich kann mir dann die Freiheit nehmen, das Buch neu umzustellen. Bei mir hat er dann auch keinen Namen, weil ich mir die ideale Version des Buches selbst zusammenstellen kann. Wenn mir ein Charakter nicht passt, dann streiche ich ihn raus.

rbbKultur: Das Verwandeln eines großen Romans ist ein Großprojekt. Sie treiben es manchmal aber noch weiter. Es gibt ein Comicbuch von Ihnen über die westliche Philosophiegeschichte - von Platon bis Foucault. Über die Arbeit an diesem Buch haben Sie gesagt: "Ich habe alle diese Philosophen gelesen und verstehe sie zu 99 Prozent nicht." Wie haben Sie dann ein Buch über sie machen können?

Mahler: Man kann sich das so vorstellen: Ich lese Bücher wie mit einem großen Leuchtmarker im Kopf. Ich lese eine Seite, es fließt so an mir vorbei und löst relativ wenig aus. Und dann gibt es den einen Satz oder die eine Passage, die mich richtig anspringt. Diese Passagen habe ich gesammelt und illustriert. Das ist ein Vorteil – Dummheit möchte ich nicht sagen - von einer nicht allzu großen Auffassungskapazität: Wenn man nur wenig wirklich begreift, fällt einem die Auswahl, womit man arbeiten will, nicht schwer.

Das Gespräch führte Frank Meyer, rbbKultur. Es handelt sich um eine redigierte Fassung.

Mehr

Der Tag; © rbbKultur
rbbKultur

August 2021 - Comic des Monats

Die besten Neuerscheinungen oder auch die lohnendsten Wiederentdeckungen. In unserer Rubrik "Comic des Monats" machen wir auf spannende Lektüre aufmerksam.

Unsere Comic-Expertin Andrea Heinze wählt aus den vielen Neuerscheinungen der grafischen Literatur ihre Empfehlungen aus. Dazu gibt unveröffentlichtes Material Einblick in die Arbeit der Künstlerinnen und Künstler.

Der Tag; © rbbKultur
rbbKultur

2. Quartal 2021 - Comic-Bestenliste

Das sind sie – die zehn besten Comics des Quartals. 30 Menschen aus Rundfunk, Presse, Fachpresse und Web, die ein Herz für und Ahnung von Comics haben, stellen Neuerscheinungen vor, denen sie ein großes Publikum wünschen.