Theater Anu Wassermythen
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Theaterparcours auf dem Tempelhofer Feld - Theater Anu: "Wassermythen"

Träumerisch, surreal, poetisch – das sind Begriffe, mit denen die Inszenierungen des Theaters Anu beschrieben werden. Letztes Jahr hat die Truppe auf dem Tempelhofer Feld ein Labyrinth aus brennenden Kerzen aufgebaut, das das Publikum im Stück "Die große Reise" durchwandern konnte. In diesem Jahr stehen "Wassermythen" auf dem Programm. Ob dabei auch Kerzen angezündet werden, weiß Oliver Kranz.

Traumverlorene Musik, traumverlorenes Licht – aber keine Kerzen. Für die "Wassermythen" werden kältere Farben gebraucht. Scheinwerfer strahlen kleine Teiche an. Das Licht spiegelt sich in den umliegenden Baumkronen.

Bille Behr, Regisseurin des Stücks: "Normalerweise sind die "Wassermythen" so gedacht, dass es eine offene Installation ist, dass die Menschen eintauchen können in dieses Areal und sich auch frei bewegen können. Jetzt ist es so: Ich erlebe die Sequenz und dann laufe ich weiter."

Drei Geschichten

Die Corona-Regeln erfordern eine klare Wegführung, erklärt die Regisseurin. Alle 15 Minuten werden 50 Zuschauer eingelassen, die unter Einhaltung des Mindestabstands von Station zu Station wandern. Erzählt werden drei Geschichten.

Bille Behr: "Einmal der 'Froschkönig' - aber nicht wie bei Wilhelm Grimm 'Es war einmal…'. Bei uns ist der Frosch die Kröte. Es geht um die weibliche Kröte. Die Figur ist diejenige, die auf dem Ut-Brunnen sitzt, die Leben spendet, die darauf achtet, dass alles im Fluss ist. Und unsere Prinzessin ist dementsprechend ein Prinz."

Theater Anu WassermythenTheater Anu Wassermythen

Der Frosch ist die Kröte - neu definierte Geschlechterrollen

Die Geschlechterrollen werden neu definiert. Das Märchen wird mit Sagen aus anderen Kulturkreisen kurzgeschlossen.

Bille Behr: "Dieser Prinz ist gar nicht so schön wie bei Grimm die Prinzessin, sondern er ist eigentlich die hässliche Kröte. Das ist einer, der leckt an seinem Silber und er hängt am Mammon. Es ist auch eine ökologische Geschichte da drin. Seine Kugel fällt runter und er sagt: 'Du dummes Ding da unten, gib mir meine Kugel wieder.' Das Entscheidende ist, dass sie eigentlich eine wunderschöne Göttin ist, die aber in dem Moment, wo sie die Silberkugel bekommt und sich im Spiegel sieht, das Krötenwesen sieht und sich dann auf einmal hässlich fühlt."

Der Grund unten im Wasser

So verschieben sich die Perspektiven. Es geht um Reichtum und Macht und den Kampf zwischen den Geschlechtern. An der der nächsten Station wird die Sage von Undine erzählt. Die Meerjungfrau geht einem jungen Fischer ins Netz.

Fischer: "Ich denke mir, ich verkaufe sie. Ich stelle mir vor: touristische Attraktion für ein Erlebnisbad. 'Schwimmen mit Nixe'. Ich hoffe auf einen Batzen Geld für den Fang. Da beginnt sie auf der Rückfahrt in meinem Boot zu singen."

Der Fischer verliebt sich und nimmt Undine mit nach Hause. Auch sie liebt ihn. Doch sie braucht das Wasser.

Bille Behr: "Es kommt auch eine latente Gewalt mit dazu. Der Fischer, der nicht nur das Netz schwingt, sondern sagt: 'Ich bin hier mit dem Speer - jetzt zeige dich endlich! Ich bringe dich nach Hause, schließe die Tür.' Wir wollen nicht wissen, was danach passiert."

Mann-Frau-Konflikte werden angedeutet, aber nicht auserzählt. Es geht nicht um realistische Paare, sondern um Archetypen.

Bille Behr: "Es ist halt das Wasser! Man taucht tief, wenn man an C.G. Jung denkt: Anima und Animus, die Traumwelt, die Nachtmeerfahrt. Ich glaube, dass in diesen Ur-Mythen und Geschichten einfach die Grundwahrheit liegt, der Grund im Wasser unten. Mein Mann Stefan Behr, der Autor des Stücks, und ich glauben einfach sehr daran, dass es wichtig ist, die Menschen da hinzuführen. Es geht nicht um das Vorhalten eines Spiegels, sondern darum, die Zuschauer an der Hand zu nehmen und zu sagen: 'Hört mal hin. Schaut mal hin. Guckt doch mal, wie das bei euch so ist und was das bei euch bewirkt.'"

Der Nachthimmel gehört zum Stück

Im dritten Themenkreis werden verschiedene Wasser- und Regenrituale erzählt. Es geht um Fruchtbarkeit und das Leben im Einklang mit der Natur. Und wie immer bei Anu geht es auch um die Magie des Theaters – um Klänge, Licht und Bilder, die wie Traumsequenzen wirken.

Der Nachthimmel gehört zum Stück, sagt Bille Behr: "Die Nacht ist die Mitwisserin der Mysterien. Sie ist quasi auch die Komplizin und macht das alles einfacher und tiefer."

Oliver Kranz, rbbKultur

zibb-Tipp: Theater Anu - Wassermythen, Foto: rbb