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"Yerma" | Schaubühne am Lehniner Platz - Caroline Peters über ihre Karriere und die Rolle als "Yerma"

Als Fernsehkommissarin ("Mord mit Aussicht") wird sie geliebt, auf der Straße oft erkannt und gegrüßt: Caroline Peters. Doch die Grimme-Preisträgerin kommt ursprünglich von der Bühne. An der Schaubühne begann sie ihre Karriere, derzeit pendelt siel zwischen dem Wiener Burgtheater und Berlin, denn hier steht sie jetzt als "Yerma" auf der Bühne. Frei nach Federico García Lorca, in der Fassung von Simon Stone. Wie groß kann ein Kinderwunsch werden und was heißt das für eine Beziehung? Caroline Peters im Gespräch mit Peter Claus.

rbbKultur: Frau Peters, ich muss gestehen – Sie haben mich fertig gemacht! Ich war am Dienstag in der Premiere von "Yerma" und mir hat dieser Abend, das Schicksal dieser Frau, wehgetan. Tut es Ihnen auch weh?

Peters: Nein, das ist ja das schöne an meinem Beruf! Man versucht mit bestimmten Dingen Reaktionen beim Zuschauer hervorzurufen – entweder lachen, nachdenken oder eben starke Gefühle. In diesem Fall war es sehr wichtig, starke Gefühle bei den Zuschauern zu entwickeln für diese Talfahrt, in die eine sehr potente, ein bisschen angeberische Alpha-Frau gerät. Aber ich selbst erlebe natürlich etwas völlig anderes. Ich muss es ja irgendwie machen, herstellen – und damit bin ich beschäftigt.

rbbKultur: Ich habe schon wirklich große Schauspielerinnen gesehen. Aber das, was ich an diesem Abend gesehen habe, habe ich noch nie gesehen. Sie sind am Anfang eine adrette, blitzgescheite, aber eben auch sehr schöne junge Frau - und ohne, dass Sie zwischendurch von der Bühne gehen, ohne dass ein Maskenbildner an Ihnen arbeitet, altert diese Figur vor meinen Augen. Wie machen Sie das? Beherrschen Sie Ihre Gesichtsmuskeln so?

Peters: Ich wünschte, so wäre es! (lacht)

Ich glaube, es ist eine gemeinsame Imagination, die man zusammen mit den Zuschauern herstellt. Man redet darüber, wie es einem geht. Dann gibt es die Übertitel, die anzeigen, wie viele Jahre vergangen sind. Und es wird auch immer unfassbarer, wie lange dieser Prozess dauert und wie unendlich lange diese Frau daran festhält und auch, wie lange ihr Mann daran festhält, nichts dazu beitragen zu wollen, dass das mit der Fertilität in ihrer Beziehung überhaupt nicht klappt.

Die schiere Dauer überträgt man dann auch auf die Figur und die Zustände, in denen ich die Szenen spiele. Die werden immer düsterer und dunkler. Am Anfang sind die beiden noch gänzlich unbeschwert und heiter: Sie haben gerade eine neue Wohnung gekauft, das Paar ist am Höhepunkt seiner Karrieren - alles läuft so richtig tippitoppi. Ich glaube, den Abbau erlebe ich so ein bisschen, aber die Zuschauer sehen den auch da rein.

rbbKultur: Für mich ist es ein Abend über zwei Menschen, die zwar viel miteinander reden, aber nicht wirklich miteinander reden. Die sagen sich viel, aber sie haben sich nichts zu sagen. Sie finden keine Worte, um wirklich zusammenzukommen. Sie spielen in einem Glaskäfig, die Zuschauer sitzen auf beiden Seiten. Wäre diese Glaswand nicht dagewesen, hätte es passieren können, dass ich auf die Bühne gestürmt wäre und geschrien hätte: "Jetzt hört doch mal auf! Jetzt hört euch doch mal zu! Redet miteinander!" Können Sie das nachvollziehen?

Peters: Ja, das kann ich schon nachvollziehen. Ich finde, das ist auch ein zunehmendes Problem von Sprache, weshalb mich auch Simon Stone als Autor so wahnsinnig interessiert. Ich finde, dass er Sprache noch so versteht, wie ich sie verstehe. Aber ich finde, dass Sprache immer mehr zu einer Wand wird. Jeder hat ein Plakat und zeigt es dem anderen und die Wörter prallen aneinander ab und keiner denkt mehr, dass er durch Wörter den anderen erreichen kann. Man distanziert sich dadurch eher.

Und das passiert in dem Stück sehr stark und das auch noch sehr wortgewandt. Die beiden reden ja wirklich das ganze Stück kontinuierlich darüber, dass sie unbedingt ein Kind zusammen wollen, ohne ein einziges Mal gemeinsam an den Punkt zu kommen, wie man das jetzt macht. Erst als es schon viel zu spät ist, kommen sie darauf: Ja, stimmt - man kann ja auch einen Samentest machen, man kann ja auch in eine Fertilitätsklinik gehen. Aber da sind schon 200 Züge abgefahren und man denkt, warum habt ihr es nicht geschafft, euch da zu erreichen, wenn ihr so gerne zusammen sein wollt?

rbbKultur: Das Problem ist für mich fremd. Ich habe nach der Aufführung viele Kolleginnen und Freundinnen, die keine Kinder haben, gefragt, ob sie sich in gewissen Momenten herabgesetzt fühlen. Und alle haben das bestätigt. Empfinden Sie das auch so?

Peters: Ja, das ist ganz eindeutig so. Das ist gesellschaftlicher Konsens in Deutschland.

rbbKultur: Das ist doch Blödsinn …

Peters: Das ist völliger Blödsinn, aber es ist ganz eindeutig so. Das hört dann auch irgendwann im Leben wieder auf, weil dann eh klar ist, dass man an dem Punkt abgelost hat. Aber es ist eine lange Spanne des Lebens, in der einfach auch enthemmt danach gefragt wird. Ich persönlich finde schon allein die Frage übergriffig. Ich finde, wenn ich nicht selber davon erzähle, ob ich Kinder habe oder nicht - wen geht das was an? Was sagt denn das Wichtiges über mich aus, dass das im Gespräch unbedingt aufkommen muss? Damit Leute, die mich nicht gut kennen, mich einordnen können? Und als was werde ich dann eingeordnet?

Frauen, die zu viel arbeiten und Kinder haben, machen es falsch. Die, die zu wenig arbeiten und Kinder haben, machen es falsch. Die, die keine Kinder haben und arbeiten, machen es falsch. Die, die keine Kinder haben und nicht arbeiten, machen es falsch.

Man ist als Frau sowieso immer in dieser Schiene, dass tendenziell alles falsch ist, was man macht. Und da gehört der Bereich enorm dazu. Man kann es ja in der Partnerschaft selber erleben: Der eigene Partner muss diese Frage praktisch nie beantworten. Der wird bei keiner Dinnerparty gefragt: Und, haben Sie Kinder? Ein männlicher Kollege, der Ende 50 ist und keine Kinder hat, der wird nicht gefragt, ob oder warum er das nicht wollte. Da wird davon ausgegangen, er könne sie ja jederzeit noch haben. Ob das biologisch faktisch richtig ist, spielt überhaupt keine Rolle. Seine Männlichkeit gibt ihm die Möglichkeit, also braucht man ihn darauf nicht festnageln. Frauen werden immer auf ihr biologisches Ende datiert, hingewiesen und danach einsortiert, ob sie da eine Leistung erbracht haben oder eben nicht.

rbbKultur: Das Stück von Lorca ist für mich auch ein Stück gegen den Faschismus, gegen faschistische Familienbilder beispielsweise. Die Hauptfigur ist bei ihm eine Bauersfrau. Sie sind in dem Stück in der Fassung von Simon Stone eine moderne, karriereorientierte Berlinerin, die einen Riesenerfolg als Bloggerin hat. Für mich ist das Stück in der Fassung von Lorca ein frühes feministisches Stück. Dieser Aspekt ist jetzt ganz weg, oder?

Peters: Aus meiner Sicht überhaupt nicht. Ich finde absolut nicht, dass der Feminismus raus ist. Ich finde es allein schon feministisch, im klassischen Repertoire ein Stück zu machen, in dem eine Frau die ganze Zeit im Zentrum steht und komplett deren Geschichte von außen erzählt und beleuchtet wird. Und auch deren Zugang daran. Dass sie sagt: Das ist doch alles kein Problem. Die Frau hat einfach kein Problem. Die hat auch am Anfang keinen dringenden Kinderwunsch. Sie denkt, dass es doch noch dazu kommen kann. Und dann ist alles, was von außen auf sie einströmt, so einengend in ihrem Charakter und in dem, was sie vorher in diesem Alphafrausein war, dass sie daran komplett zugrunde geht.

Ich finde das nicht realistisch in seinem Sinne, dass es allen Frauen so geht. Das ist natürlich extrem und überspitzt. Es ist Drama. Es ist einfach Theater. Und das muss auch auf einen dramatischen Höhepunkt wie ein Messer im Bauch zulaufen, damit es sichtbarer wird. Aber was ihr passiert, ist nicht aus ihr allein heraus, sondern das sind diese Umstände und diese Menschen drumherum, die alle sagen: Naja, dann bist du halt in dem Punkt eine Versagerin, das ist auch okay, da kann man doch mit leben, damit musst Du doch umgehen können. Und sie stellt sich dem entgegen und sagt: Nein, das mache ich nicht. Ich finde mich nicht damit ab.

Meine Aufgabe als Frau ist es immer, an irgendeinem Punkt zu sagen, dass ich mich abfinde. Es ist schon okay, aber ich habe es eben nicht geschafft. Damit kann ich leben. Das wird von einem Alphamann sicher nicht erwartet. Da ist es männlich, sich immer weiter durchzusetzen und immer weiter bei seinem Ziel zu bleiben. Also in dem Sinne ist es für mich eindeutig ein feministisches Stück.

rbbKultur: Wie wichtig ist Ihnen der Aspekt, mit Ihrer Arbeit in die Gesellschaft hineinzuwirken?

Peters: Mir wird dieser Aspekt tatsächlich immer wichtiger. Es hat auch viel mit Corona zu tun. In mir steigt steigt nonstop seit dem ersten Lockdown das Bedürfnis, mit den Zuschauern wirklich zu kommunizieren über Themen, die wirklich in unserer echten Lebenswelt sind. Das klassische Repertoire geht mir zunehmend auf die Nerven. Das ist wie ein tolles kunsthistorisches Museum: Man will nicht vergessen, was es in der Vergangenheit gegeben hat. Aber wenn das das Einzige ist, was Theater ausmacht, dann vergisst es die Gegenwart und sein Publikum.

Es kann nicht ausschließlich darum gehen, immer zu sagen: Maria Stuart! Das ist ein Konflikt wie heute! Hamlet! Das ist ja wirklich wie junge Männer heute. Es kann erstens nicht stimmen, denn das Ganze ist 400 oder 200 Jahre alt. Nie im Leben ist das wie heute. Es kommt aus einer völlig anderen Lebenswelt. Man kann sich sicher dafür interessieren, was Schiller, Goethe und Shakespeare gedacht haben, aber ich finde, dass im zeitgenössischen Theater der Aspekt, was jetzt in unserer Welt passiert und was einen Zuschauer jetzt unmittelbar anspricht, zu selten dramatisiert wird. Es wird komplett dem Boulevardtheater überlassen und darauf wird dann auch noch herabgeschaut. Und da bin ich echt dagegen.

rbbKultur: Wann werden Sie Regie führen?

Peters: Nie. Ich würde mich nie mit nervtötenden Schauspielern auseinandersetzen und immer zugucken, wie die anderen das machen! (lacht)

Aber für mich ist es wirklich wichtig, mit zeitgenössischen Autoren wie Simon Stone zu tun zu haben. Wie gesagt, ich bin nicht dafür, dass das klassische Repertoire nicht gespielt werden sollte. Aber dass es 90 Prozent des Theateralltags ausmacht - da bin ich wirklich massiv dagegen.

rbbKultur: Die Titelrolle in "Yerma "bedeutet für Sie doch auch eine Rückkehr nach Berlin?

Peters: Ja, das ist eine Rückkehr zu den Wurzeln! Auch das ist, ehrlich gesagt, eine Folge von Corona. Ich habe 20 Jahre in Berlin gelebt und hier auch sehr lange gespielt - an der Volksbühne, im Prater und ganz zu Beginn eben auch in der Schaubühne. Dann sind wir vor sechs Jahren des Berufes wegen ganz nach Wien gezogen, weil ich nicht mehr pendeln wollte und mein Mann schon gar nicht.

rbbKultur: Ihr Mann ist auch Schauspieler?

Peters: Er war Schauspieler und hat dann eine ganz andere Richtung eingeschlagen. Jetzt haben wir unseren gemeinsamen Postkartenverlag "art postal" in Wien. Unser ganzes Leben hat sich nach Wien verlagert und im Lockdown war man natürlich komplett abgeschnitten von der Familie. Wir haben sehr, sehr viel Familie in Berlin. Das war eine seltsame Erfahrung. Es hat einem Wien sehr viel nähergebracht, ich sehe die Stadt jetzt mit ganz anderen Augen. Aber es hat einen von zu Hause tatsächlich zum ersten Mal entfremdet.

Die Möglichkeit, dass ich hier arbeiten kann, hat mir gutgetan. Zurückzukommen, in der Nähe der Familie zu sein - selbst, wenn man sich aus Ansteckungssorgen nur im Tiergarten zum Spazierengehen trifft. Auch der gedankliche Rückgang, dass Du hier, in diesem Haus mit der gleichen Inneneinrichtung, mit 23 deine ersten Schritte in dieses Berufsleben gemacht hast. Vielleicht ist das ein guter Zeitpunkt, jetzt alles nochmal zu überprüfen und sich zu überlegen, was für Schritte man gemacht hat im Leben.

rbbKultur: Haben sich die Träume der 23-Jährigen erfüllt?

Peters: Ja, mehr als erfüllt, das muss ich ehrlich sagen. Da habe ich Glück gehabt.

rbbKultur: Sie haben tolle Sachen gespielt – die Buhlschaft im "Jedermann" in Salzburg. Sie haben den Grimme-Preis gewonnen. Sie reihen Erfolg an Erfolg. Sehe ich das richtig?

Peters: Ja, seit ein paar Jahren beziehungsweise seit einigen Saisons. Das war ja durchaus nicht immer so. Was aber immer so war, ist, dass ich es wirklich immer geschafft habe, sehr befriedigende Arbeitsverhältnisse herzustellen. Mit René Pollesch sehr lange Zeit in Berlin und in Wien dann auch mit verschiedenen Regisseuren und jetzt mit Simon Stone. Und ich hatte das Glück, mit Kolleg*innen, mit denen ich wahnsinnig gern zusammen spiele, zu arbeiten. Martin Wuttke zum Beispiel oder Sophie Rois - mit denen war es einfach großartig. Da habe ich wirklich viel Glück gehabt, das muss ich ehrlich sagen.

rbbKultur: Sie sind eine Teamplayerin – bei "Yerma" habe ich jedenfalls den Eindruck, dass da nicht der Star rauskommt, sondern eine Ensembleschauspielerin.

Peters: Ja, das Zusammenspielen finde ich sehr wichtig - vor allen Dingen aber auch bei den Texten von Simon Stone. Wenn man jetzt Jelinek macht und stundenlang eigene Monologe zu halten hat, ist das auch eine herrliche Aufgabe. Da ist man dann ganz für sich. Aber bei diesen Sachen, die so schnell geschrieben sind wie bei Stone - das sind ja eigentlich alles immer nur Oneliner die man sich gegenseitig um die Ohren haut, in einem Tempo, das nicht naturalistisch ist - das kann man nur zusammen. Das ist auch eine musikalische Sache. Das ist auch etwas Technisches, was man miteinander erlebt. Und das macht dann auch Spaß.

rbbKultur: In einem Zeitungsinterview zur Premiere von "Yerma" haben Sie über die Zusammenarbeit mit Simon Stone, die ja nicht die erste für Sie war, gesagt, das sei für Sie eine Mischung aus Mathematik und Intuition. Ich finde, das ist eine tolle Beschreibung.

Peters: Ich hoffe, dass das den Leuten etwas sagt. So geht es mir dabei. Es ist alles extrem durchdacht. Der Typ ist wahnsinnig intelligent und unheimlich geschickt und kann die Sachen auch nach äußerlichen Gesichtspunkten bauen. Und dann kommen aber immer diese Momente, wo man durch den Text, durch den Rhythmus, in den man gerät, durch den Rausch in Zustände reinrauscht, aus denen man aber auch sofort wieder rausrauscht, weil der nächste Text schon wieder ein ganz anderer ist. Und diese Mischung, die liebe ich so. Einerseits ist alles gezügelt und durchdacht und andererseits muss man ab und zu vollkommen loslassen und einfach wie in einem Traum einmal ganz tief runterfallen in der Hoffnung, dass man nirgendwo aufschlägt, sondern gleich die nächste Liane irgendwo findet, wo man dann nur ein ganz bestimmtes Stück weit fliegt. Es ist immer eine Mischung aus Disziplin und einfach ziehen lassen.

rbbKultur: Ist der Postkartenverlag, den Sie mit Ihrem Mann in Wien betreiben, etwas, das Sie erdet?

Peters: Wir wollten ein gemeinsames Projekt haben. Wir lieben beide Postkarten. Er fotografiert, ich bin die Seite des Wortes. Er macht die Hauptarbeit, ich bin eher die Dramaturgin. Es erdet einen auf eine Art und es verortet einen. Dass mal nicht das Theater uns verortet, sondern das gemeinsame Geschäft.

rbbKultur: Dem großen Publikum sind Sie natürlich als Kommissarin Sophie Haas aus der Serie "Mord mit Aussicht" bekannt. Die Serie gibt es schon lange nicht mehr. Sprechen Sie noch Leute auf der Straße drauf an?

Peters: Ja, das merke ich immer, wenn es wieder Wiederholungen gibt – und die gibt es wie Sand am Meer! Das ist immer noch sehr prägend für mein Bild, das ich so abgebe. Was mich aber auch freut, weil ich finde, wir haben das damals super gemacht. Ich kann da immer noch gut zu stehen.

rbbKultur: Sie haben auch schon erfolgreich im Kino gearbeitet, zum Beispiel in "Der Vorname". Aber dem Theater, so mein Eindruck, geben Sie den Vorzug. Warum?

Peters: Es ist natürlich das größere Erlebnis - dieses direkte in-Kontakt-Treten mit dem Publikum. Das ist auch der Ursprung meiner Leidenschaft für den Beruf. Damit hat es halt angefangen. Es hat nicht damit angefangen, dass ich Kinofilme toll fand. Aber meine Eltern haben mich sehr früh mit ins Theater genommen, als ich acht, neun Jahre alt war. Ich war schon euphorisiert davon, im Zuschauerraum zu sitzen und den Leuten zuzugucken. Und solange das noch so in mir lodert, werde ich sicher dem Theater den Vorzug geben. Wenn das irgendwann mal nicht mehr so ist, dann sollte ich mich da schleunigst verziehen.

rbbKultur: Lassen Sie uns zum Schluss noch einmal auf Yerma zurückkommen. Es gab einen besonderen Moment an diesem Premierenabend: Am Ende liegt die Figur Yerma auf dem Boden, dann wird es dunkel und dann konnte ich, weil ich sehr nah saß, sehen: im Dunkeln steht die Schauspielerin Caroline Peters auf und steht dann relativ steif da, die Arme gesenkt, ganz nach unten, einfach ganz normal und guckt ins Publikum und wartet auf den Beifall, der erfreulicherweise erst mit Verzögerung einsetzte, weil alle erst mal verarbeiten mussten. Ich habe in Ihr Gesicht gesehen und so ein Gesicht habe ich noch nie gesehen. Es kam mir entseelt vor, entgeistert, furchtbar erschöpft oder auch schmerzverzerrt. Was ist in dem Moment in Ihnen vorgegangen?

Peters: Das kann ich tatsächlich auch sehr schwer sagen. Das ist schon ein Moment von Erschöpfung und auch von einer kurzen Überforderung. Man denkt auch, eigentlich wäre es doch schön, wenn es jetzt nicht gleich so weitergeht, wenn jetzt einfach mal eine Pause wäre. Aber nun ist Theater in unserer Konvention so: wenn das Stück zu Ende ist, wird eben applaudiert. Dann versucht man, das so zu machen.

Ich war an dem Premierenabend tatsächlich unfassbar aufgeregt im Vorfeld. Nicht einfach, weil es die Premiere war – es war die erste Premiere in mehr als anderthalb Jahren und ich habe in meinem ganzen Berufsleben noch nie eine so lange Pause gehabt. Das geht sehr vielen andern Künstlern auch so. Viele Freunde von uns sind Comedians oder Musiker. Die treten immer alleine vors Publikum und sind in keinem geschützten Rahmen wie ich mit einem Staatstheater, das hinter mir steht. Die haben das alle so beschrieben, dass man erstmal wieder reinkommen muss, dass so etwas wieder stattfindet, dass man mit Leuten auf diese Art kommuniziert. Als Berufsperformer hat man das im Blut, aber das hat eben jetzt anderthalb Jahre geschlafen und auf einmal gibt es eine Wackeligkeit: Kann man das noch? Kann man sich dem Publikum noch mitteilen? Und in dem Moment, wo man auf den Applaus wartet, fällt das so ein bisschen ab von einem und gleichzeitig fragt man sich, warum man hier noch steht, ob das denn sein muss. Drei Minuten später denkt man: Gott sei Dank stehe ich hier noch, das ist herrlich!

Es ist ein winziger Zwischenmoment, ein Schaltmoment.

Das Gespräch führte Peter Claus, rbbKultur. Es handelt sich um eine gekürzte und redigierte Fassung. Das ganze Gespräch können Sie als Audio nachhören.

Rezension

Caroline Peters in Yerma
Thomas Aurin

Schaubühne am Lehniner Platz - "Yerma"

Der ruhelose Theater-Reisende Simon Stone zeigt an der Berliner Schaubühne seine eigene Fassung von Federico García Lorcas "Yerma". In der Rolle der Yerma ist die aus Film und Fernsehen bekannte Caroline Peters zu sehen, die seit kurzem zum Ensemble der Schaubühne gehört und nach dem zeitweiligen Theateraus endlich zeigen kann, was für eine großartige Bühnenschauspielerin sie ist.

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