Yeliz Simsek und Jale Arikan kleben Zettel; Quelle: Carmen Treichl/dffb
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- Zum Filmstart von "Notes of Berlin"

Sie kleben an Laternenpfosten und Häuserwänden: Zettel mit Kleinanzeigen und Telefonnummern zum Abreißen. Das stille Gemurmel des Kiezes. "Notes of Berlin" heißt schon eine Web-Sammlung mit diesen Botschaften. Da können Menschen, die eine originelle Notiz auf der Straße gesehen haben, das Foto einschicken. Auf diese Website hat Mariejosephin Schneider mit ihrem Abschlussfilm für die DFFB zurückgegriffen. Ihr Film "Notes of Berlin" entstand in jahrelanger Puzzlearbeit – Simone Reber hat den Film gesehen und mit der Regisseurin gesprochen.
 
 

"Schau in den Himmel, und mache Dir klar, wie erstaunlich das Leben ist" oder "Melde Dich Rawad, Du wirst Vater" - die Botschaften sind ganz real, die Mariejosephin Schneider für ihre filigran komponierte Film-Ode ausgesucht hat. "Das Herz der Stadt schlägt auf der Straße" heißt es zu Beginn des Films. "Notes of Berlin" ist so etwas wie b.

"Ich komme aus Berlin. Und ich wollte meine Stadt zeigen", sagt Mariejosephin Schneider. "Was wir gehofft haben, war, dass auch so eine Art Zeitdokument entsteht, was Berlin in einem bestimmten Moment festhält, weil sich ja so viel in der Stadt wahnsinnig schnell verändert."

Schicksale hinter den Botschaften

Welche Schicksale stecken hinter den kurzen Botschaften, fragt man sich, wenn man an den flatternden Notizen vorbeiläuft. Mariejosephin Schneider zerstört den Zauber nicht, sie lässt die offenen Enden in der Luft verwehen. Ihr Film klinkt sich nur kurz ein in Augenblicke des Lebens, die entscheidend sein können, banal oder zynisch, wie etwa das Bewerbungsritual für ein WG-Zimmer, bei dem die Berlinerin keine Chance hat.

"Also, wir suchen schon jemanden, der einen Plan von seinem Leben hat. Jemanden mit Perspektive, interessantem sozialem Umfeld, was Kreatives, aber zuverlässig sollte er natürlich auch sein. Also einer, der weiß, wer er ist und sich auch ständig weiter entwickeln möchte. Z.B. aus dem Ausland. Fände ich ganz cool, wegen der Sprachkenntnisse und so zum Netzwerken. Zum Beispiel aus Paris oder Barcelona. Oder New York."

Andrea-Sawatzki in Berlin vor einem Laternenphahl mit Zetteln; Quelle: Carmen Treichl/dffb
Bild: Carmen Treichl/dffb

Ungastliche Orte wie die Yorckbrücken

Mariejosephin Schneider: "Letztendlich war das damals, als wir gedreht haben, schon relativ überdreht. Das war 2015 und da hat uns die Realität eigentlich eingeholt. Das ist ja alles noch angespannter geworden, als es damals schon war."

Entspannt flanierend treibt die Erzählung weiter, zum nächsten Schauplatz. Berlinkenner identifizieren die ungastlichen Orte der Stadt, den Zentralen Omnibusbahnhof mit seinen orangefarbenen Fliesen, die Yorckbrücken oder den Alexanderplatz. Die Geschichten ereignen sich in einer Pause vom Vorübereilen oder Vorbeifahren. Da kommen Hundebesitzer an der Haltestelle ins Gespräch oder Nachbarn treffen sich zum ersten Mal im Hausflur. An dem Drehbuch arbeiteten die beiden Autoren mehrere Jahre.

Ein amüsant-melodischer Film

"Der Drehbuchprozess war schon sehr aufwändig. Wir hatten eine Zeitlang eine Art Riesenonline-Recherche gemacht mit einer Plattform, die hieß Film Lab. Wo wir Leute nach Begegnungen gefragt haben oder nach Dialogfetzen, die sie vielleicht in der U-Bahn gehört haben, die witzig waren oder spannend. Letztendlich hat aber alles in einem klassischen Drehbuchprozess gemündet, wo ich mit meinem Ko-Autor Thomas Gerhold – wir haben uns eingeschlossen und haben dann einfach geschrieben bis der Arzt kommt.

Zu den Wundern des Alltags passen die Schauspielerinnen und Schauspieler, die im Understatement bleiben, das Leben spielen und nicht das Filmflimmern. Tom Lass zum Beispiel trifft als Computerjunkie zum ersten Mal eine Nachbarin, weil er die Besitzerin eines entlaufenen Kaninchens sucht. Er spielt das Schweigen und nicht die Worte.

"Ja, nur eine Frage. Hatten wir eben so einen Moment? Was? Hm."

Schneider: "Es hat sehr viel Spaß gemacht. Ich überlege gerade, ob man das so sagen kann, denn wir haben ja drei Tage lang in einem Haus gedreht ohne Heizung im Winter. Aber er hat einfach so ein tolles Gefühl gehabt für Timing und so eine große Gabe zu Improvisieren. Das Einzige, was ich Tom gesagt habe, war, immer noch ein bisschen weniger. Weniger."

Der amüsant melodische Film "Notes of Berlin" nimmt die raue Poesie der Stadt auf, die surreal schwebenden Rätsel, die mit den Abreißzetteln in den Straßen verwehen, den Himmel und den Asphalt von Berlin.

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Mex Schluepfer mit Zettel; Quelle: Carmen Treichl/dffb
Carmen Treichl/dffb
3 min

Filmtipp "Notes of Berlin"

Regisseurin Mariejosephin Schneider hat über die "Notes of Berlin" einen Film gemacht. Alles begann als sie den gleichnamigen Blog entdeckte, der Fotos dieser Notizen seit mehr als 10 Jahren sammelt. 6000 Zettel hat sie für ihren Film gesichtet. Entstanden ist ein Episodenfilm mit 14 Geschichten. Jede inspiriert von echten Zettelbotschaften.