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Lust und Frust mit Proust - Sodom und Gomorrha – die Folgen 16 bis 20

In den Folgen dieser Woche geht es vor allem um das Erinnern an einen verlorenen, geliebten Menschen. Und unsere Proust-Kolumnistin Doris Anselm hat beim Lesen gelernt: Trauern ist etwas, das man nicht "richtig machen" kann.

Keine Ahnung, ob Proust-Lesen bei der Trauerarbeit hilft. Aber vielleicht ist es für irgendwen, der das hier hört, ja einen Versuch wert. In dem Fall würde ich den aktuellen Abschnitt im Roman von ganzem Herzen empfehlen. Denn das, was der Autor hier in seinem Erzähler vorgehen lässt, besitzt erleichternde Ehrlichkeit.

Das geht schon mit dem schlechten Timing los, mit dem die Trauer um seine geliebte Großmutter einsetzt – viel zu spät. Der junge Mann, der sich bisher mit Vergnügungen aller Art abgelenkt hat, fährt erneut in das Seebad, das er im vergangenen Jahr mit der Oma besucht hatte. Jetzt will er dort eigentlich Frauen kennenlernen. Aber als er in seinem Hotelzimmer ankommt, überfällt ihn plötzlich ein Weinkrampf, und zwar (lächerlicherweise) beim Schuheausziehen. Oder vielleiht ist es doch nicht lächerlich, denn genau bei dieser Handlung, und damit eigentlich beim ersten, schwierigen Kontakt mit einem neuen Zimmer, einem Zuhause auf Zeit, hatte die Großmutter dem empfindlichen Jungen früher immer geholfen. Jetzt kippt er vor Kummer fast um.

Proust schreibt: "Und so, in einem wahnsinnigen Verlangen, mich in ihre Arme zu stürzen, erfuhr ich erst jetzt, in diesem Augenblick, mehr als ein Jahr nach ihrer Beerdigung – auf Grund jenes Anachronismus, durch den so oft der Kalender der Tatsachen mit dem Kalender der Gefühle nicht zusammenfällt –, dass sie gestorben war."

Diese gefühlsmäßige Unpünktlichkeit ist ihm vor sich selbst peinlich, und als seine Mutter anreist, die Tochter der Verstorbenen, beginnt er auch noch, seine Trauer mit der ihren zu vergleichen, die er natürlich größer, echter, vielleicht auch irgendwie "besser" findet. Nachts träumt er von der Großmutter, die in diesen Träumen zwar tot, aber zugleich noch ein bisschen lebendig ist, weil dort, Zitat, "der Tod eine Krankheit ist, von der man sich wieder erholt". Sie wohnt in einem winzigen Zimmer, das man für sie angemietet hat, und dem Erzähler fällt siedend heiß ein, dass er das ganze Jahr lang vergessen hat, sie zu besuchen oder ihr zu schreiben. Das ist zugleich gruselig, poetisch und komisch.

Schließlich, gerade als der junge Mann sich an seine Trauer gewöhnt hat, sie sogar ein bisschen zelebriert (vielleicht auch, weil er findet, dass das angemessen wäre), genau in diesem Moment betrügt ihn sein eigener Körper. Denn der sehnt sich plötzlich doch sehr handfest nach seiner Freundin Albertine … und deren Freundinnen … und so werden es im ganzen Sommer ganze zwölf Mädchen, mit denen er sich einlässt.

Oh Mann. Ich glaube: Ja, genauso ist Trauer – chaotisch, in sich selbst pietätlos und manchmal auch flatterhaft. Man kann nicht "korrekt trauern". Vielleicht tut es gut, sich das in der schweifenden, abschweifenden, oft auch komischen Art von Marcel Proust erzählen zu lassen.