Sylvia Townsend Warner, 1927; © imago-images/United Archives International
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Vergessene Autorinnen wiederentdecken - Die Überlesenen: Sylvia T. Warner

Der Debütroman "Lolly Willowes" von Sylvia T. Warner stand vor einigen Jahren nicht nur auf der Auswahl-Liste der 100 besten englischsprachigen Romane der Zeitung The Guardian, er war schon bei Erscheinen 1926 enorm erfolgreich. Die unkonventionelle englische Feministin weckte bei uns seltsamerweise nur mäßiges Interesse. Das muss sich unbedingt ändern, findet unsere Literaturexpertin Manuela Reichart, die die englische Autorin heute ins Zentrum unserer Reihe "Die Überlesenen" stellt.

Als ihr Vater starb, zog Laura Willowes nach London zu ihrem älteren Bruder und seiner Familie.

"Natürlich wirst du", sagte Caroline, "bei uns wohnen."

"Aber das bringt all eure Pläne durcheinander. Es macht doch solche Umstände. Bist du sicher, dass ihr mich haben wollt?"

"Aber, Liebste, ja."

Ein aufschlussreiches Gespräch mit dem Teufel

So beginnt der Roman "Lolly Willowes" von Sylvia T. Warner, mit dem sie Mitte der 1920er Jahre berühmt wird.

Die Titelheldin, eine ledige Endzwanzigerin, wird zukünftig nur noch Tante Lolly sein, die nützliche Schwester und Schwägerin, der man weder eigene Wünsche noch Entscheidungen zutraut. Und sie wird sich das fast 20 Jahre lang gefallen lassen, bis sie sich für ein selbständiges Hexenleben entscheidet.

Am Ende des Romans führt sie ein aufschlussreiches Gespräch mit dem Teufel, und er, der – in der Kunst, in der Literatur, im Kino – bekanntlich nicht hässlich und blöd, sondern attraktiv und klug ist, ist nicht zu­letzt deswegen ein idealer Gesprächspartner, weil er sie ernst nimmt und ausreden lässt, ihr zuhört.

Laura Willowes ist nicht länger die liebe Tante Lolly, sondern eine souveräne Frau.

Ganz normale Frauen, die in Wahrheit Hexen sind

Nach dem großen und unerwarteten Erfolg dieses Debütromans wird die Auto­rin auch zum Dinner mit Virginia Woolf eingeladen. Als die elf Jahre ältere wohlwollende Kollegin Sylvia T. Warner fragt, woher sie denn so viel über Hexen wisse, antwortete sie: "Weil ich selber eine bin."

Als "Lolly Willowes" erscheint, ist Sylvia T. Warner 33 Jahre alt. Die Aufmerksamkeit gilt einer unbekannten, ein wenig verschroben wirkenden Musikwissen­schaft­le­rin, die selbstverständlich von Hexen erzählte, genauer gesagt von ganz normalen Frauen, die in Wahrheit Hexen sind.

Schwieriges Verhältnis zur Mutter

Geboren wird Sylvia T. Warner am 6. Dezember 1893. Für ihre Mutter, die sich sehnlichst einen Sohn gewünscht hatte, ist sie eine Enttäuschung. Als aufgewecktes kleines Mädchen, erzählte Sylvia T. Warner, sei sie von ihr geliebt worden, aber je weniger sie dem Idealbild eines hübschen Teena­gers entsprach, desto schwieriger wurde (und blieb) das Verhältnis zur Mutter.

Sylvia ist zu groß, zu dünn, sie trägt eine Brille, benimmt sich weder als Kind noch als Heranwach­sende anmutig und mädchenhaft. Sie interessiert sich nicht für respektable Heiratskandidaten.

Beschreibungen "von der Genauigkeit chinesi­scher Tuschezeichnungen"

Eigentlich will sie Komposition studieren, aber der Erste Weltkrieg zerstört diese Pläne, stattdessen wird sie die schlecht bezahlte, enorm fleißige Mitherausgeberin eines wichtigen Standardwerks über Kirchenmu­sik in der Tudorzeit.

Sie bewegt sich – nach dem sie als Schriftstellerin reüssiert - im Umkreis der Bloomsbury Künstler-Gruppe. Der amerikanische Schriftsteller William Maxwell hat einmal über sie gesagt:

"Ihre Beschreibungen sind von der Genauigkeit chinesi­scher Tuschezeichnungen. Ihre ungewöhnliche Phantasie und ihr tiefes Verständnis für Menschen und Tiere ma­chen sie zu einer der bemerkenswertesten Autorinnen ih­rer Zeit."

Lebenslange Liebe zur Lyrikerin Valentine Auckland

1931 lernt sie die Lyrikerin Valentine Auckland kennen. Sie ist 13 Jahre jünger als Sylvia T. Warner und wird zur Liebe ihres Lebens.

Bis zum Tod von Valentine Auckland 1969 werden die beiden ein Paar blei­ben, gemeinsam während des Zweiten Weltkriegs in die Kommunistische Partei eintreten, wo sie als lesbische Frauen nicht besonders gelitten sind und sich eine Weile der politi­schen Arbeit verschreiben. Sie werden reisen und reden und Gedichte schreiben.

Ein Gedicht aus dem Jahr 1938, in dem uns die Dichterin und leidenschaftliche Gärtnerin ermutigt, am Mittsommertag genau hinzuschauen auf den Garten, auf die Pflanzen, auf das Land: auf den Lehm und die Rosen und die Honigwabe: "Schau genau hin, schau gut hin, sieh, wie dein Garten wächst ..."

"Was ist der Sinn von all dem?"

Sylvia T. Warner hat sieben Romane geschrieben, acht Erzählungs- und fünf Gedichtbände, eine Proust-Überset­zung veröffentlicht, unzählige Briefe und Tagebücher hinterlassen. 144 ihrer Geschichten sind in der amerikanischen Zeitschrift New Yorker veröffentlicht worden – eine Rekordzahl, die ihr nicht zuletzt den Lebensunterhalt nach dem Zweiten Weltkrieg sicherte.

Ihre späten Geschichten spielten in einem ebenso brutal organisierten wie höchst vergnüglichen Elfenreich. Und auch hier kommen Hexen vor - wie in ihrem erfolgreichen Debütroman "Lolly Willowes".

Am 1. Mai 1978 ist Sylvia Townsend Warner in ihrem 85. Lebensjahr gestorben. Ihre letzte Äußerung soll die entscheidende Frage gewesen sein: "Was ist der Sinn von all dem? Sie behaupten, es gäbe einen."

Manuela Reichart, rbbKultur

Reihe

Anna Maria Jokl; © Suhrkamp Verlag
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Vergessene Autorinnen wiederentdecken - Die Überlesenen: Anna Maria Jokl

Das Frühjahr ist die Zeit der neuen Bücher. Viele aktuelle Titel ringen um die Gunst der Leser:innen, die Verlage werben gerne mit Superlativen, da ist dann bei einer Debütantin von "Meisterwerk" die Rede, bei einem neuen Roman eines bekannten Autors sollen uns die größten Superlative zum Kauf animieren. In unserer Reihe "Die Überlesenen" stellt Manuela Reichart zu Unrecht vergessene Autorinnen vor, die – ganz ohne Superlative – unbedingt wieder gelesen werden sollten. Heute geht es um die Schriftstellerin Anna Maria Jokl, die im Oktober 2001 im Alter von 90 Jahren in Jerusalem gestorben ist.

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Juliane Kay: Zwei in Italien; Montage: rbbKultur
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Vergessene Autorinnen wiederentdecken - Die Überlesenen: Juliane Kay

Wie in jedem Frühjahr erscheinen auch in diesem wieder viele neue Bücher. Die Autorinnen und Autoren warten auf Besprechungen, die Verlage auf gute Umsatzzahlen. Wir halten einen Augenblick inne angesichts all der neuen Titel und schauen zurück und fragen, was eigentlich mit früheren wichtigen Büchern geschehen ist. In unserer Reihe "Die Überlesenen" stellt Ihnen Manuela Reichart zu Unrecht vergessene Autorinnen vor. Zum Beispiel die österreichische Schriftstellerin Juliane Kay.

 

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Henriette Hardenberg: "Dichtungen" und "Südliches Herz"; Montage: rbbKultur
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Vergessene Autorinnen wiederentdecken - Die Überlesenen: Henriette Hardenberg

Die Frühjahrsbüchersaison ist eröffnet, sehr viele neue Bücher hoffen auf Aufmerksamkeit. Die Autorinnen und Autoren warten auf Besprechungen, die Verlage auf gute Umsatzzahlen. Wir halten einen Augenblick inne angesichts all der neuen Titel. In unserer Reihe "Die Überlesenen" stellt Ihnen Manuela Reichart zu Unrecht vergessene Autorinnen vor. Heute geht es um die Lyrikerin Henriette Hardenberg. Neben Else Lasker-Schüler, Emmy Ball-Hennings und Claire Goll repräsentierte sie den weiblichen Ton im lautstarken Expressionismus zu Anfang des 20. Jahrhunderts.

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Leonora Carrington © picture alliance / akg-images / Marion Kalter
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Vergessene Autorinnen wiederentdecken - Die Überlesenen (5): Leonora Carrington

Vor zehn Jahren ist sie in Mexiko gestorben, mit 94 Jahren: die Malerin und Schriftstellerin Leonora Carrington, oft eher als langjährige Geliebte und große Liebe von Max Ernst bekannt. Dabei war sie sowohl eine äußerst eigenständige bildende Künstlerin, deren Bilder heute auf dem Kunstmarkt begehrt sind, als auch Schriftstellerin. Unsere Reihe "Die Überlesenen" ist Autor:innen gewidmet, die im Kanon der Literaturgeschichte schlicht nicht vorkommen, weil sie überlesen wurden. Manuela Reichart über die ganz und gar ungewöhnliche Schriftstellerin Leonora Carrington.

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Janet Frame © picture-alliance/ dpa/ Sam_Henderson
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Vergessene Autorinnen wiederentdecken - Die Überlesenen: Janet Frame

Die neuseeländische Autorin Janet Frame steht heute im Zentrum unserer Erinnerungsreihe "Die Überlesenen". Janet Frame führte ein zurückgezogenes Leben. Vor 30 Jahren allerdings stand sie plötzlich im besonderen Licht der Öffentlichkeit, weil ihre Autobiografie "Ein Engel an meiner Tafel" prominent für das Kino verfilmt wurde. Manuela Reichart stellt diese überlesene Autorin vor.

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Karin Michaëlis, dänische Schriftstellerin (1872 - 1950); © Mary Evans Picture Library
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Vergessene Autorinnen wiederentdecken - Die Überlesenen: Karin Michaëlis

In unserer Reihe stellen wir Ihnen Karin Michaëlis vor. Die dänische Schriftstellerin war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts berühmt und ungemein produktiv: Ungefähr 60 Romane und Erzählungen hat sie ge­schrieben. Fast immer geht es bei ihr um das Verhältnis zwischen Frauen und Män­nern, um unglückliche Ehen oder fehlgeschlagene Versuche, glücklich miteinander zu werden. Manuela Reichart empfiehlt zum Lesen unbedingt d e n Bestseller aus dem Jahr 1910: "Das gefährliche Alter".

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Grace Paley, Schriftstellerin © Effigie/Leemage/dpa
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Vergessene Autorinnen wiederentdecken - Die Überlesenen: Grace Paley

Bei der legendären 48. PEN-Konferenz 1986 in New York waren unter den 117 Teilnehmern, die dort das Wort ergriffen, nur 16 Frauen. PEN-Präsident Norman Mailer begründete das damals damit, dass es sich bei den Rednern um wirkliche Schriftsteller handeln müsse, dass außerdem das Thema des Kongresses intellektuell sei und dafür nur Susan Sonntag in Frage käme. Nach dieser Rechtfertigung ergriff die Schriftstellerin das Wort, um die es in unserer Reihe "Die Überlesenen" heute gehen soll: Grace Paley. In der Folge unterschrieben zweihundert Schriftstellerinnen eine Petition gegen den PEN - und verlangten das Rederecht. Manuela Reichart stellt Grace Paley vor.

 

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Schriftstellerin Flannery O'Connor © Floyd Jillson
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Vergessene Autorinnen wiederentdecken - Die Überlesenen: Flannery O'Connor

Heute geht es in unserer Reihe "Die Überlesenen" um die amerikanische Südstaatenautorin Flannery O’Connor. Auf die Frage, welchen Rat sie denn jungen Autorinnen und Autoren geben würde, hat sie einmal geantwortet: "Mein Rat ist - zu lesen und zu schreiben und zu schauen und zu hören. Nimm dich selber nicht so wichtig wie das, was um dich herum passiert und wenn du unbedingt über dich selber schreiben musst, bewahre Abstand und beurteile dich mit den Augen und der Strenge eines Fremden." Manuela Reichart empfiehlt - nicht nur all denen, die schreiben wollen - unbedingt Flannery O’Connor zu lesen.

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Leonora Carrington © picture alliance / akg-images / Marion Kalter
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Vergessene Autorinnen wiederentdecken - Die Überlesenen: Leonora Carrington

Vor zehn Jahren ist sie in Mexiko gestorben, mit 94 Jahren: die Malerin und Schriftstellerin Leonora Carrington, oft eher als langjährige Geliebte und große Liebe von Max Ernst bekannt. Dabei war sie sowohl eine äußerst eigenständige bildende Künstlerin, deren Bilder heute auf dem Kunstmarkt begehrt sind, als auch Schriftstellerin. Unsere Reihe "Die Überlesenen" ist Autor:innen gewidmet, die im Kanon der Literaturgeschichte schlicht nicht vorkommen, weil sie überlesen wurden. Manuela Reichart über die ganz und gar ungewöhnliche Schriftstellerin Leonora Carrington.

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Elizabeth Bowen, irische Autorin; © dpa/United Archives
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Vergessene Autorinnen wiederentdecken - Die Überlesenen: Elizabeth Bowen

In unserer Reihe "Die Überlesenen" geht es heute um die englisch-irische Autorin Elizabeth Bowen. Im Zentrum ihrer Romane und Erzählungen stehen immer wieder höchst interessante Frauenfiguren, die ihr allerdings oft Kritik einbrachten. In einer Besprechung konnte man 1949 über diese Heldinnen etwa lesen: "Mit fanatischer Beharrlichkeit führen sie Eltern und Freunde hinters Licht, haben uneheliche Kinder, beginnen Affären mit Männern, die sie kaum kennen, und schrecken selbst vor Mord nicht zurück." Was damals negativ gemeint war, macht heute neugierig. Manuela Reichart stellt Elizabeth Bowen vor.

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Die US-amerikanische Schriftstellerin Willa Cather, Foto um 1930; © dpa/akg-images
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Vergessene Autorinnen wiederentdecken - Die Überlesenen: Willa Cather

Die neue Buchsaison hat begonnen: In diesem Herbst gibt es wieder unendlich viele Neuerscheinungen, darunter viele Bücher, die es lohnen, gelesen zu werden und viele, die man auch getrost vergessen kann. Ob Romane Bestand haben, erweist sich erst sehr viel später, wenn sie sozusagen alt geworden und trotzdem jung geblieben sind. In unserer Reihe "Die Überlesenen" stellen wir Autorinnen vor, deren Werk jung und stark geblieben ist, die aber trotzdem nicht bekannt bei uns sind. Heute geht es um Willa Cather - für unsere Literaturexpertin Manuela Reichart eine DER großen Autorinnen des 20. Jahrhunderts.

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Edna St. Vincent Millay © picture alliance / Everett Collection
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Vergessene Autorinnen wiederentdecken - Die Überlesenen: Edna St. Vincent Millay

Die neue Buchsaison hat gerade begonnen: In diesem Herbst gibt es wieder unendlich viele Neuerscheinungen. Ob Romane Bestand haben, erweist sich in der Regel sehr viel später, wenn sie sozusagen alt geworden und trotzdem jung geblieben sind. In unserer Reihe "Die Überlesenen" stellt Ihnen unsere Literaturexpertin Manuela Reichart Autorinnen vor, die hierzulande zu Unrecht kaum gelesen werden. Heute: Edna St. Vincent Millay, eine der berühmtesten Dichterinnen Amerikas.

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