Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust 39 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Lust und Frust mit Proust - Sodom und Gomorrha – die Folgen 26 bis 30

Der Erzähler im Roman macht derzeit Ferien – schon wieder oder immer noch. Langsam findet unsere Mitlese-Kolumnistin Doris Anselm es ungerecht, dass sie seinetwegen weiterschuften soll. Also gönnt sie sich statt Urlaub zumindest ein paar Urlaubserinnerungen. Und entdeckt dabei erstaunliche Parallelen zu Proust.

Das Paradies ist noch da

Als Kind und Teenager war ich acht Mal im selben Hotel. Ha! Das holt der Erzähler im Roman bestimmt nicht mehr auf. Er steckt nach zweitausendvierhundert Seiten immer noch in Urlaub Nummer zwei. Na gut, er hat ein Grand Hotel, während ich mit meinen Eltern immer nur im Dreisterne-Pauschalurlaub war. Dafür wiederum sind wir im Flugzeug angereist – okay, die Option gab’s für ihn damals noch nicht.

Friedensangebot, gemeinsames Verkehrsmittel und heimliche Hauptfigur unseres aktuellen Romanabschnitts: die Bimmelbahn.

An Prousts fiktivem Küstenstreifen in der Normandie verbindet die Bahn all die kleinen Kur- und Urlaubsorte. In meinem eigenen, rückblickend auch fast fiktiven Stück Mittelmeerküste verband sie direkt die Hotels. Und genau wie meine Freunde und ich damals gondeln auch die Romanfiguren den lieben langen Tag herum. Die Sommerfrische führt die immer gleichen Leute zusammen und alle tun das, was sie immer tun: Der Erzähler pflegt seine Eifersucht, Charlus gräbt junge Männer an, sogar Madame Verdurin, die Salonlöwin aus dem ersten Band, taucht jetzt, einer Sonne gleich, am Horizont wieder auf.

Meine eigenen Urlaubsfreunde und ich nötigten unsere Eltern jedes Jahr, die ein- bis zweiwöchigen Reisen zeitlich und räumlich aufeinander abzustimmen, damit wir uns wiedersehen konnten. Es hingen sehr viele Gefühle an diesem Hotel. Heute, mit zwanzig Jahren Abstand, hängen sie da immer noch.

Proust schreibt: "… wir bedenken nicht, dass wir […] nach einigen Jahren dem untreu werden, was wir gewesen sind […]. Man träumt viel vom Paradies, oder vielmehr von zahlreichen wechselnden Paradiesen, doch alle diese sind schon lange, bevor man stirbt, verlorene Paradiese, in denen man sich selbst verloren fühlen würde.“

Gut, dass ich Proust noch nicht kannte, als ich vor ein paar Jahren einfach nochmal hingefahren bin, an den Urlaubsort meiner Teenagerzeit. Gewohnt habe ich ein paar Hotels weiter, aber an einem Tag bin ich am Strand entlang zu DEM Hotel gewandert. Ich war schockiert. Der Swimmingpool war völlig umgebaut, schön geschwungen statt eckig, und meine Füße wurden nicht mehr von kieseldurchsetzten Betonplatten malträtiert, sondern glitten über weiches Terracotta.

Ich hasste es. Ich hätte es nie sehen dürfen. Auf dem Rückweg kamen mir am Strand die Tränen, weil ich mir meine Erinnerung kaputt gemacht, sie überschrieben hatte mit nichtssagenden neuen Bildern.

Aber dann passierte etwas, das mich immer noch beschäftigt; und ich hoffe die ganze Zeit, dass der Erinnerungs-Philosoph Marcel Proust mal über so ein Phänomen spricht: Die neuen Bilder wurden schon nach einer Stunde immer blasser. Sie waren gar nicht stark genug, aufgeladen genug mit Gefühlen, um die schillernden, prächtigen Farben von damals zu überdecken. Mein "Paradies" ist nicht verloren und ich fühle mich dort auch nicht so. Ich weiß jetzt: Ich kann es besuchen, ohne Flugreise, so oft ich will und sogar dieselbe sein wie damals.

Doris Anselm, rbbKultur

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