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Vergessene Autor:innen wiederentdecken - Die Überlesenen (5): Leonora Carrington

Vor zehn Jahren ist sie in Mexiko gestorben, mit 94 Jahren: die Malerin und Schriftstellerin Leonora Carrington, oft eher als langjährige Geliebte und große Liebe von Max Ernst bekannt. Dabei war sie sowohl eine äußerst eigenständige bildende Künstlerin, deren Bilder heute auf dem Kunstmarkt begehrt sind, als auch Schriftstellerin. Unsere Reihe "Die Überlesenen" ist Autor:innen gewidmet, die im Kanon der Literaturgeschichte schlicht nicht vorkommen, weil sie überlesen wurden. Manuela Reichart über die ganz und gar ungewöhnliche Schriftstellerin Leonora Carrington.

"Eines Tages erschien Leonora Carrington in dem Haus, in dem wir uns zu treffen pflegten ..., ging geradewegs ins Bad und nahm vollangezogen eine Dusche. Dann setzte sie sich klatsch­naß in einen Sessel im Wohnzimmer und sah mich starr an. Kurz darauf nahm sie meinen Arm und sagte zu mir auf Spanisch: 'Sie sehen gut aus, Sie erinnern mich an meinen Wärter.'“

Luis Bunuel, Filmregisseur

Die Schriftstellerin Monika Maron sagt über Leonora Carrington:

"Bei ihr war überhaupt nichts gebremst, weder die Phantasie noch die Energie noch die Liebe. Dann, wenn man ihre Interviews liest zum Beispiel, klingt sie immer sehr herbe, sehr rational auch. In diesem Spannungsfeld bewegt sich etwas, was unvergleichlich ist. Ich wüßte gar nicht mit wem ich sie vergleichen sollte. Weil es ist alles aus ihr heraus. Man merkt, dass das nicht eine Ästhetik ist, die sie sich vorgenommen hat und erfüllt, sondern das, was aus ihr herauskommt, scheint so zu sein. Im Unterschied zu anderen Surrealisten. Insofern ist diese Aussage, dass sie die Surrealisten nicht gekannt hat, als sie surrealistisch gemalt hat, ganz glaubhaft für mich."

Eine Tochter aus reicher Familie, die nicht will, was sie wollen soll

Geboren wird Leonora Carrington am 6. April 1917 in eine reiche englische Familie. Ihr Lebensweg scheint vorgezeichnet: Sie ist eine gute Partie und soll eine solche machen. Sie wird bei Hof in die Gesellschaft eingeführt, aber sie will nicht, was sie wollen soll. Stattdessen studiert sie in London und später in Paris Kunst.

Eine ihrer hinreißenden Erzählungen erzählt von einem Ball, den eine Debütantin nicht besuchen will, an ihrer statt geht die einzige Freundin, die sie hat: eine Hyäne aus dem Zoo. Leider muss dafür das Dienstmädchen sterben, denn deren Gesicht stülpt sich das Tier über, damit sie als Mensch durchgeht. Am Ende klappt der Tausch doch nicht, denn der Geruch des Tieres fällt unangenehm auf in der Gesellschaft.

Carrington ist eine eigenständige Malerin - lange bevor sie Max Ernst kennenlernt

Leonora Carrington studiert in London Kunst. Und – wie sich der Sohn von Max Ernst erinnert:

"Sie war die schönste Frau, die ich je gesehen habe."

In Paris lernt sie 1937 auf einem Abendessen den um vieles älteren berühmten Max Ernst kennen. Eine leidenschaftliche Affäre beginnt, die beiden leben eine Weile zusammen in Südfrankreich. Noch heute gilt sie vielen vor allem als "eine Frau an seiner Seite".

Sie selber hat stets betont, dass sie schon eine eigenständige Malerin war, lange bevor sie die Surrealisten, bevor sie Max Ernst kennenlernte. Heute werden ihre Bilder hochgehandelt, aber sie war eben nicht allein Malerin, sondern auch Schriftstellerin.

Aufenthalt in der Psychatrie

Über ihren Psychiatrieaufenthalt – sie brach zusammen, als der Deutsche Max Ernst während des Zweiten Weltkriegs abgeholt und interniert worden war - hat sie einen eindrucksvollen literarischen Bericht geschrieben: "Unten".

Der Maler Marcel Jean über das Werk:

"Klar und präzise, zuweilen mit wunderbar dichterischer Kraft, schildert Leonora Carrington die besondere Hellsichtigkeit derer, die man 'verrückt' nennt. Und die Unfähigkeit von Ärtzen, mit den Kranken, die ihrer Obhut anvertraut sind, einen echten Kontakt warmer Sympathie herzustellen."

Die Schrifstellerin Leonora Carrington

Es gibt wunderbar verrückte Geschichten und surreale Theaterstücke von Leonora Carrington. Und - als sie mit ihrem Mann, dem Fotografen Emerico Weisz und den beiden Söhnen schon lange in Mexiko lebt - schreibt die knapp 40-Jährige ihren phantastischen feministischen Roman "Das Hörrohr", in dem eine 92-Jährige gegen ihren Willen in ein Altersheim gesteckt wird. Der vermeintliche Schreckensort entwickelt sich jedoch zu einem wahren Jung­brun­nen, denn die anderen exzentri­schen Heimbewohnerinnen sind nicht nur interessant, verrückt und anregend, vor allem hüten einige von ihnen ein großartiges Geheimnis.

Nach einem Mord­komplott wird die Heldin erst zur Anführerin eines Hun­ger­streiks, dann einge­weiht in die folgenreiche Le­­bensge­schich­te einer frivolen Äbtissin, die früh den Geschlechter­tausch übte und die ganz am Ende, als das surreale Abenteuer in einem durch­aus hoffnungsvollen Weltuntergangs­sze­narium endet, eine entscheidende Rolle spielt.

Die alten Damen jedenfalls überleben eine neue Eiszeit – und hoffen auf eine radikal neue Zukunft.

"Männer sind schwer zu verstehen", sagte Carmella. "Hoffentlich erfrieren sie alle zu Tode. Meiner Überzeugung nach wäre es für die Menschen sehr angenehm und gesund, überhaupt keine Autoritäten zu haben. Sie müssten dann selbst denken, statt dauernd von Anzeigen, Kinos, Polizisten und Parlamenten gesagt zu bekommen, was sie zu tun und zu denken haben."

(Auszug aus "Das Hörrohr")

Manuela Reichart, rbbKultur