Christine Pernlochner-Kügler © Gerhard Berger
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Bestatterin über Umgang mit dem Tod - "Unser Angebot zum Probeliegen im Sarg wird inzwischen sehr stark angenommen"

Wie geht unsere Gesellschaft mit dem Tod um und wie sollte sie es tun? Was für Trauerrituale sind wichtig? Was ist ein "Hipster-Bestatter"? Aber auch: Wie präpariert man eine Leiche richtig? Darüber macht sich die Psychologin und Bestatterin Christine Pernlochner-Kügler in ihrem zugleich aufklärenden und unterhaltsamen Buch "Du stirbst nur einmal, leben kannst du jeden Tag" Gedanken. Ein Gespräch über ihren Blick auf den Tod und das Leben.

rbbKultur: Frau Pernlochner-Kügler, warum ist das Thema Sterben immer noch ein Tabu-Thema?

Pernlochner-Kügler: Es ist kein Tabu mehr wie vor 15, 20 Jahren. Es hat sich sehr viel gelockert - aber es ist noch Luft nach oben, wie man so schön sagt. Vor 15 Jahren haben wir damit begonnen, die Särge wieder aufzumachen und die Leute dazu zu bringen, sich von den Verstorbenen am offenen Sarg zu verabschieden. Mittlerweile ist es bei uns im Institut üblich, dass über die Hälfte ihre Verstorbenen noch einmal sehen wollen. Andere Bestatter bieten das nicht so proaktiv an. Ich stelle auch fest, dass die Leute neue Angebote und neue Rituale annehmen, dass es aber immer noch Gerüchte gibt, dass man ohne Kirche kein ordentliches Begräbnis bekommt.

rbbKultu: Nehmen die Leute Ihr Angebot zum "Probeliegen" im Sarg auch an?

Pernlochner-Kügler: Ja, aber am Anfang war das schwierig. Es wurde als makaber empfunden. Mittlerweile hatten wir viele Führungen, Gruppen und Schulungen bei uns im Institut und dort wird es sehr stark angenommen.

rbbKultur: Aber ich kann mir gar nicht vorstellen, was das bringen soll. Wenn ich tot bin, merke ich doch nicht, wie ich liege …

Pernlochner-Kügler: Die Angst der vor dem Tod zu Lebzeiten ist sehr groß. Der Sarg ist ein typisches Angstobjekt. Wenn man da mal drin liegt, dann merkt man, dass es sich gar nicht so schlecht anfühlt.

rbbKultur: Wie geht es Ihnen selbst? Haben Sie Angst vorm Sterben?

Pernlochner-Kügler: Ja, ich habe Angst vor dem Tod. Das ist eine natürliche angeborene Angst, die auch gut ist, weil sie uns schützt. Aber ich habe keine irrationalen Ängste mehr, wie die Menschen, die sich nicht so mit dem Tod konfrontieren müssen wie ich.

rbbKultur: Sie haben mehr als 3.000 Bestattungen durchgeführt. Stumpft das ab - oder macht das sensibler?

Pernlochner-Kügler: Es macht einerseits dafür sensibler, was im Leben wirklich wichtig ist. Andererseits wird die Angst vor dem Tod kleiner. Wir Bestatter:innen stumpfen schon ein bisschen ab, weil wir lernen, uns sehr gut von den Schicksalen der Angehörigen zu distanzieren.

rbbKultur: Muss ich als Angehöriger, wenn ich zu Ihnen komme, die Befürchtung haben, Sie spielen mir Theater vor, wenn Sie mir Trost spenden?

Pernlochner-Kügler: Nein. Empathie heißt ja nicht, dass man mitleidet, sondern dass man schaut und seine feinen Antennen schärft: Was braucht der Angehörige jetzt in dieser Minute, in dieser Stunde, in den nächsten Tagen? Darauf geht man ein.

rbbKultur: Sie sind Psychologin, Sie haben Philosophie und Germanistik studiert. Bei so vielen Studien würde ich nicht gleich auf den Beruf der Bestatterin kommen. Wie sind Sie dazu gekommen?

Pernlochner-Kügler: Ich bin da reingerutscht. Nach meinem Psychologiestudium habe ich in der Krankenpflegeschule in Innsbruck zu unterrichten begonnen. Eigentlich wollte ich nie etwas mit Verstorbenen zu tun haben – das war ein großes Angstthema von mir. Über die Krankenpflegeschule, wo Sterben und Tod natürlich näher an mich herangerückt sind, bin ich als Quereinsteigerin in die Bestatter-Szene hereingerutscht. Zu meinem eigenen Erstaunen habe ich dann bemerkt: das liegt mir, das kann ich, das macht mir Freude - und meine Angst wird immer weniger.

rbbKultur: "Behalte sie/ihn so in Erinnerung, wie sie/er im Leben war." Sie schreiben in Ihrem Buch, dass das der Unsatz des 20. Jahrhunderts ist, wenn es um Bestattungen geht. Warum?

Pernlochner-Kügler: Weil wir uns von den Verstorbenen persönlich verabschieden sollen, weil wir uns ein Bild machen sollen. Ein konkretes Bild ist immer besser als tausend Fantasien, die entstehen, wenn wir kein konkretes Bild haben.

rbbKultur: Sie selbst bezeichnen sich als "Hipster-Bestatterin". Stimmt das?

Pernlochner-Kügler: Die Bestatter:innen, die so arbeiten wie ich, die ein bisschen unkonventioneller sind, die Neues ausprobieren und neue Rituale anbieten wollen, werden in die Nähe der Hipster-Bewegung gestellt. Deshalb nennt man mich - und ich mich jetzt auch – Hipster-Bestatterin.

rbbKultur: Wenn es um Trauerrituale geht, ist der Leichenschmaus für mich das wichtigste Ritual. Da ist es immer fröhlich geworden. Verhalten wir uns da richtig?

Pernlochner-Kügler: Der Leichenschmaus ist ganz wichtig - auch für die psychische Gesundheit. Um eine traumatische Krise zu bewältigen, sollte der Mensch nicht permanent im Zustand der Trauer und der Schwere fixiert bleiben. Wir brauchen dringend auch Phasen der Erholung, wo wir mal lachen können, wo wir uns zurücklehnen und entspannen können. Und das ist der Leichenschmaus nach der Trauerfeier. Der hat eine ganz wichtige psychologische Funktion.

rbbKultur: Trotzdem erlebe ich immer wieder Trauernde, die sich von der Trauer nicht verabschieden können. Haben Sie da Rituale? Können Sie Dinge anbieten, um dem Menschen, der trauert, zu helfen, die Trauer zu bewältigen und auch zu sagen: "Jetzt reicht es. Jetzt habe ich getrauert. Jetzt beginne ich ein neues Leben." Ich finde, das ist oft ein großes Problem.

Pernlochner-Kügler: Es ist schwierig. Trauer verläuft von Mensch zu Mensch unterschiedlich und auch unterschiedlich lang. Wichtig ist, dass man beim Trauernden einen Wechsel feststellen kann zwischen der Trauer – da findet Verarbeitung statt - und Erholungsphasen. Phasen, wo es zwischendurch auch gelingt, gut zu leben. Das ist am Anfang seltener der Fall. Das sind nur Augenblicke, Momente - vielleicht einmal eine Stunde. Wenn man gesund trauert, werden diese Phasen mit der Zeit immer mehr. Gerade dann, wenn ein Kind verstorben ist, trauern Eltern oft ein Leben lang. Aber sie empfinden nebenbei wieder Lebensfreude. Pathologische Trauer ist, wenn ich keine guten Phasen habe, wenn ich fixiert bleibe in einem Dauerzustand der Depression.

rbbKultur: Ich habe das Probeliegen im Sarg bei Ihnen schon angesprochen. Wie sieht denn Ihr Sarg aus? Sie haben ihn sich doch sicherlich schon selbst gestaltet?

Pernlochner-Kügler: Das wird wahrscheinlich ein ganz normaler Sarg aus Fichtenholz sein, den meine Freunde und Freundinnen dann im Rahmen des Abschieds anmalen können, wenn sie wollen. Wenn sie es nicht wollen, dann sollen sie es bleiben lassen. Dann werde ich höchstwahrscheinlich kremiert - daher wird kein teurer Sarg nötig sein.

Das Gespräch führte Peter Claus, rbbKultur. Es handelt sich um eine redigierte Fassung.

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10-teiliger Podcast von Henrike Möller - Jetzt geht's ans Sterben

Wir werden alle sterben – also lasst uns endlich anfangen, entspannt mit dem Tod umzugehen. Dieser Podcast will dem Tod seinen Schrecken nehmen. Henrike Möller erzählt die Geschichten von zehn Menschen, die Erfahrungen mit Tod und Trauer gemacht haben. Persönliche Erlebnisse verbinden sich mit Informationen rund ums Thema Sterben. Immer mit dem Ziel, den Tod dort zu platzieren, wo er hingehört: mitten ins Leben. Seit dem 1. Oktober 2021 immer freitags.