Carl Blechen: "Das Einfachste und daher Schwerste"; Quelle: Stiftung Fürst-Pückler-Museum – Leihgabe der Bundesrepublik Deutschland
rbbKultur
Bild: Stiftung Fürst-Pückler-Museum – Leihgabe der Bundesrepublik Deutschland Download (mp3, 7 MB)

Carl-Blechen-Ausstellung in der Liebermann-Villa in Wannsee - "Bildaufbau und Farbauswahl sind bei Max Liebermann und Carl Blechen ähnlich"

Carl Blechen (1798-1840) gehört zu den wichtigsten deutschen Landschaftsmalern. Er wurde von Max Liebermann sehr geschätzt, aber auch von Adolf Hitler. Eine Ausstellung in der Liebermann-Villa am Wannsee präsentiert Werke aus der umfassenden Blechen-Sammlung der Stiftung Fürst-Pückler-Museum - Park und Schloss Branitz. Was an diesen Gemälden und Skizzen so besonders ist, erfahren wir von der Direktorin der Liebermann-Villa Dr. Lucy Wasensteiner, die die Ausstellung kuratiert hat.

rbbKultur: Frau Wasensteiner, warum haben Sie Carl Blechen in die Liebermann-Villa geholt?

Wasensteiner: Carl Blechen wurde von Max Liebermann sehr geschätzt. Liebermann hatte mindestens fünf Bechen-Werke in seiner Privatsammlung. Vor genau 100 Jahren, 1921, hat Liebermann eine große Blechen-Retrospektive in der Akademie der Künste kuratiert - eine seiner ersten Ausstellungen in der Akademie. Wir wollten der Frage nachgehen, warum Liebermann Blechen so sehr schätzte und was er in ihm sah.

rbbKultur: Und was hat Liebermann in Blechen gesehen?

Wasensteiner: Liebermann sah in Blechens Werken - insbesondere in seinen Skizzen aus der Italienreise 1828 bis 1829 - frühe Anzeichen des Impressionismus, obwohl Blechen natürlich eine Generation älter war. Er sah in diesen Bildern einen ähnlichen Umgang mit Licht und Farbe wie die Impressionisten und auch einen ähnlichen Malstil. Blechen ist nach draußen gegangen und hat vor Ort gemalt.

Aber vor allem sah Liebermann, wie Blechen sich in die Bilder "hineinmalte". Darüber hat er in seiner Broschüre für die Ausstellung geschrieben. Es war nicht nur die Natur, es war Blechens Eindruck der Natur. Und das ist, was Liebermann so beschrieben hat, "das Einfachste und daher Schwerste".

rbbKultur: Das spricht für einen großen Individualismus dieses Malers. Adolf Hitler war nun kein Mann, der den persönlichen Individualismus im Alltag geschätzt und gepflegt hat. Ganz im Gegenteil - er hat eine uniformierte, auf schreckliche Art und Weise uniformierte, Gesellschaft geschaffen. Was hat Hitler an den Werken von Blechen geschätzt?

Wasensteiner: Was an Blechen sehr interessant ist: er hat sehr viel gemalt. Wir zeigen in der Ausstellung Werke aus allen Schaffensphasen Blechens. Insbesondere die italienischen Skizzen, die Liebermann so geschätzt hat, aber Blechen hat früher in seiner Karriere auch viel in Deutschland gemalt - ein eher von der Romantik geprägter Stil. Später war er oft in Deutschland unterwegs und hat zum Beispiel viele deutsche Wälder gemalt. Das waren die Bilder, die die Nationalsozialisten dann sehr geschätzt haben. Es waren keine italienischen, sondern deutsche Landschaften und diese waren für Hitler nicht besonders impressionistisch oder modern, sondern besonders deutsch. Deswegen wurden die Bilder dann zum Beispiel für das Führermuseum in Linz aufgesammelt und befanden sich tatsächlich in den Privatsammlungen von Heinrich Himmler und Adolf Hitler selbst.

rbbKultur: Wie spiegeln Sie diese doch sehr widersprüchliche Rezeptionsgeschichte in der Ausstellung?

Wastensteiner: Wir versuchen, das anhand der Provenienzgeschichte der Bilder zu zeigen. Wir haben in der Ausstellung Bilder, die tatsächlich für das Führermuseum in Linz angekauft wurden - unter anderem ein Bild, das sogar aus der Sammlung der Familie Liebermann stammt. Das heißt, es hing bei Liebermann zu Hause. Nach seinem Tod ist es dann verloren gegangen. Es landete auf dem Markt und wurde für das Führermuseum gekauft. Ich glaube, ein interessanteres Beispiel für diese wechselnde Rezeptionsgeschichte kann man sich eigentlich kaum vorstellen.

rbbKultur: Nun gibt es in der Liebermann-Villa Wannsee ja auch die Dauerausstellung mit Werken von Max Liebermann. Sieht man da wiederum auch, wie er sich möglicherweise von Blechen hat beeinflussen lassen?

Wasensteiner: Wir zeigen dort eine Auswahl von Liebermanns Familienbildern, Wannsee-Bildern und holländischen Landschaften. Ich finde, dass man diese Ähnlichkeiten besonders in den holländischen Landschaften sieht. Das ist eine Fortsetzung des impressionistischen Malstils. Liebermann malte natürlich viel größer, viel freier - aber der Bildaufbau und die Farbauswahl sind in vielerlei Hinsicht ähnlich. Man sieht auf jeden Fall die Verbindung.

Wasensteiner: Weil wir immer noch nicht richtig feierlich eröffnen konnten, gibt es einen Eröffnungsmonat: In den ersten vier Wochen der Ausstellung (ab 17.10.) gibt es jeden Tag um 14:00 Uhr eine kostenlose Führung.

Das Gespräch führte Peter Claus, rbbKultur. Es handelt sich um eine redigierte Fassung.