Angela Merkel und Herlinde Koelbl © dpa/Steffen Kugler/Bundesregierung/Taschen Verlag
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Fotografin Herlinde Koelbl über ihre Merkel-Bilder - "Ich fand, dass Angela Merkel von Anfang an eine große Eigenwilligkeit und Stärke hatte"

Die Fotografin Herlinde Hoelbl hat die Politikerin Angela Merkel über 30 Jahre lang porträtiert. Sie konnte die spätere Bundeskanzlerin damals überzeugen, ihr für die Langzeitstudie "Spuren der Macht" Modell zu stehen, einmal im Jahr. Auch wenn Merkel das am Anfang für "Quatsch" hielt, haben Koelbl und Merkel weitergemacht. Zum Ende ihrer Amtszeit sind die Aufnahmen und Interviews, die Koelbl in den ersten Jahren ebenfalls mit Angela Merkel führte, jetzt als Buch erschienen.

rbbKultur: Frau Koelbl, Sie haben an den Anfang Ihres Buch Buches gleich zwei Fotos von der lachenden Angela Merkel gestellt: eins von 1994, eins von 2018. Warum fangen Sie denn mit der lachenden Angela Merkel an?

Koelbl: Weil man sie so ganz wenig kennt. In der Öffentlichkeit war Angela Merkel ja sehr diszipliniert und hat immer die Nerven behalten. Und da sieht man zwei Motive, wo sie lacht und fröhlich ist – auf dem Foto von 1994 fast keck. Das andere Foto ist 2018 so spontan entstanden, wie man sie eben nicht mehr kennt beziehungsweise wie sie privat ist. Deshalb wollte ich diese Seite auch zeigen, weil wir sie fast immer anders kennen.

rbbKultur: Sie haben Angela Merkel von 1991 bis 2021 - mit einer achtjährigen Pause zwischendurch - einmal im Jahr fotografiert. Immer am gleichen Setting: vor einem weißen Hintergrund, ein Kopfporträt, ein Körperporträt. Am Anfang haben die Fotos zu Ihrem Langzeitprojekt "Spuren der Macht" gehört. Wenn wir jetzt mal auf Ihr allererstes Bild von Angela Merkel 1991 schauen: wie wirkt diese junge Politikerin darauf auf Sie?

Koelbl: Sie wirkt eigentlich noch ziemlich unbeholfen und scheu. Und obwohl sie leicht von unten nach oben schaut, ist in dem Blick schon eine Kraft vorhanden. Sie schaut nicht einfach so halb weg, sondern sie schaut einen richtig an. Ich fand auch, dass sie schon von Anfang an eine große Eigenwilligkeit und Stärke hatte. Das hat mich auch gereizt, sie dabei haben zu wollen in dem Projekt.

Sie hatte auch noch eine Zukunftschance - das war auch eine meiner Voraussetzungen an die Menschen, die ich für das Projekt ausgesucht habe. Und dass sie neu in ein hohes öffentliches Amt gekommen sind. Denn die Öffentlichkeit ist ein wichtiger Faktor in der Veränderung der Menschen.

rbbKultur: Stimmt es eigentlich, dass Angela Merkel Ihr Foto-Interview-Projekt damals für Quatsch gehalten hat?

Koelbl: Ich habe sie nach den acht Jahren gefragt, wie sie das Fotografieren und vor allem auch die Interviews empfunden hat. Sie sagte, dass sie es damals, als ich damit begonnen habe, wirklich für Quatsch gehalten habe, weil man doch heute in der Zeitung und nicht irgendwann mal in acht Jahren in einem Buch stehen müsse. Sie hat auf die Effektivität der Interviews geachtet.

Aber irgendwann mal, und das ist das Tolle, erzählte sie mir, hat sie gefragt: "War die Frau Koelbl dieses Jahr eigentlich schon da?" Das heißt, sie hat mich dann schon vermisst! (lacht)

rbbKultur: Bedeutet das, dass zwischen Ihnen schon eine Beziehung entstanden ist bei den ungefähr 15-minütigen Terminen über diese 30 Jahre hinweg?

Koelbl: Es ist natürlich eine Beziehung, weil man sich schon fast 30 Jahre lang gesehen hat. Beim Fotografieren ist es eine Beziehung, die einerseits eine gewisse Ehrlichkeit hat, ohne Verstellen. Es ist aber auch eine vertrauensvolle und respektvolle Beziehung geworden. Natürlich ist in 15 Minuten kaum mehr Zeit für Smalltalk oder überhaupt für ein längeres Gespräch möglich. Das ist wirklich schade.

rbbKultur: Am Anfang, als Sie noch an Ihrem Projekt "Spuren der Macht" arbeiteten, haben Sie auch Interviews mit Angela Merkel führen können. Bei Ihrem allerersten Gespräch haben Sie Angela Merkel zum Beispiel auch nach ihren Eltern gefragt, wie diese sie geprägt haben. Warum wollten Sie das wissen?

Koelbl: Ich denke, dass wir doch immer mitschleppen, wie wir aufgewachsen sind. Abraham Lincoln hat einmal gesagt: You can't escape your history. Und ich finde, das ist im doppelten Sinne zu verstehen: Einmal im Sinne der öffentlichen, der geschichtlichen Hysterie. Wenn wir Deutsche sind, werden wir im Ausland als Deutsche gesehen. Aber auch der persönlichen Geschichte entkommen wir nicht. Da ist ein Stempel auf uns aufgedrückt und je nachdem, wie wir groß werden, können wir das etwas beiseitelassen - oder es prägt uns das ganze Leben.

rbbKultur: Es gibt eine ganz besonders interessante Aussage von Angela Merkel in Ihren Interviews: 1996 hatte sie der damalige niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder – man könnte sagen - öffentlich vorgeführt. Dazu sagt Angela Merkel – ich zitiere: "Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn irgendwann genauso in die Ecke stellen werde. Ich brauche dazu noch Zeit. Aber eines Tages ist es soweit. Darauf freue ich mich schon." Neun Jahre später hat sie ihn tatsächlich in die Ecke gestellt mit dem knappen Sieg bei der Bundestagswahl. Meinen Sie, dass sie das 1996 schon angepeilt hat?

Koelbl: Angepeilt hat sie es nicht, aber sie ist eine Politikerin und Frau, die Langzeit denkt - die nicht nur mal schnell explodiert und dann ist wieder vorbei - nein, sie denkt Langzeit. Und das zeichnet sie aus, das ist das Besondere. Sie hat schon in unserem ersten Interview 1991 gesagt: "Wenn es ums Wesentliche geht, kann ich genauso knallhart wie die Männer sein. Die Hauptsache ist, die Nerven zu behalten."

Sie ist wie eine Schachspielerin, die in langen Zügen vorausdenkt.

rbbKultur: Sie zeigen in Ihrem Buch, dass Sie mit großem Respekt und Sympathie auf Angela Merkel schauen. Was sehen Sie denn kritisch an dieser Politikerin?

Koelbl: Es ist natürlich so, dass niemand 16 Jahre regieren kann, ohne auch etwas nicht richtig gemacht zu haben. Wir machen alle irgendwelche Fehler. Aber das, was sie nicht richtig gemacht hat, würde ich den Historikern überlassen.

rbbKultur: Sie haben sich bei Ihrem bereits erwähnten Projekt "Spuren der Macht" damit auseinandergesetzt, wie die Macht Menschen verändert. Dazu haben Sie sich verschiedene Politiker und Politikerinnen angeschaut. Wie hat denn die Macht Angela Merkel verändert?

Koelbl: Sie ist natürlich sehr viel vorsichtiger geworden. Sie hat schon sehr früh gesagt, dass sie lernte, ihr Privatleben zu schützen. Und sie hat noch etwas gesagt: "Je mehr ich die politische Rolle annehme, desto mehr verändere ich mich auch als Privatmensch. Ich bin nicht mehr die, die ich war."

Das heißt also, dass so viele Dinge nicht mehr möglich sind. Als ich sie einmal danach fragte, was sie gelernt habe, sagte sie: "Fragen Sie mich doch auch mal, was ich verlernt habe. Das ist vielleicht genauso wichtig."

Das heißt, es gibt viele, viele Dinge, die die Menschen einschneidend verändern. Sie legen Schutzringe um sich herum, so dass man möglichst wenig von ihrem wirklichen Inneren, von dem Privatmenschen sieht. Deshalb waren die zwei Fotos am Anfang auch so schön und richtig für mich.

Bildergalerie

rbbKultur: Und haben Sie Angela Merkel dann gefragt, was sie verlernt hat?

Koelbl: Ich habe sie immer gefragt, ob sie zeitmäßig in der Lage war, Pflaumenkuchen zu backen. Das war nur symbolisch gemeint in dem Sinne, für die private Zeit, die für sie noch übrig bliebe. Weil sie zum Beispiel sagte: "Wenn wir die Eltern bzw. die Familie besuchen, dann denke ich nach einer Stunde: Jetzt ist doch alles vorbei, jetzt haben wir doch alles gesagt, während meine Geschwister sagen: es geht doch erst los!"

Das Zeitmaß, was man persönlich hat, wird eben ein völlig anderes.

rbbKultur: Hat Angela Merkel eigentlich jemals etwas zu Ihren Fotos gesagt?

Koelbl: Nein, und sie hat auch schon beim ersten Mal nicht gesagt, dass sie sie kontrollieren will. Und auch jetzt – und das ist etwas ganz, ganz Großartiges - musste ich die Fotos nicht vorlegen, ich habe selbst entscheiden können. Sie hat es mir als Künstlerin überlassen. Sie hat die Bilder selbst erst gesehen, als das Buch dann erschienen ist.

Koelbl: Und hat sie dann etwas kommentiert? Sie müssen doch auch neugierig darauf sein, wie sich Angela Merkel in Ihren Fotos sieht ...

Koelbl: Natürlich ist man neugierig. Aber das Buch ist auch gerade erst in den letzten Wochen erschienen, als Angela Merkel auf Abschiedsreisen unterwegs und mit der Übergabe ihres Amtes beschäftigt war. Da hat sie also verdammt etwas anderes zu tun, als einen Kommentar über meine Fotos abzugeben! (lacht)

rbbKultur: Frau Koelbl, verraten Sie uns zum Schluss noch, welches Ihr Lieblingsfoto Ihrer Fotos von Angela Merkel ist?

Koelbl: Einmal das Foto von 1991, das Sie schon erwähnt haben. Ich finde, es hat einerseits so eine Naivität und trotzdem auch schon so eine große Kraft. Und dann eben dieses Foto von 2018, wo man sie so anders sieht. Sie war ja immer so sachlich nach außen, hat auch selten gelacht. Und da sieht man sie so was von entspannt und locker. Diese Seite von Angela Merkel, die sie immer noch hat - zwar reduziert, aber immer noch hat -, ist eines meiner Lieblingsfotos.

Das Gespräch führte Frank Meyer, rbbKultur. Es handelt sich um eine redigierte Fassung.