Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust 62 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Marcel Proust | Kolumne - "Die wiedergefundene Zeit" (9 - 12)

In ihrer Kolumne "Lust und Frust mit Proust" freut sich unsere mitlesende Autorin Doris Anselm diese Woche darüber, dass sie es schon in den letzten Band des Romans geschafft hat. Nicht zuletzt, weil darin Leute aus Selbstbezogenheit Pazifisten werden.

Pazifist aus Langeweile

So langsam kann ich, glaub ich, sagen: Der erste und der letzte Band dieses Romans gefallen mir am besten. Der erste vielleicht, weil intensive Kindheitsgefühle so universell sind und weil Proust dort fast alle Motive anlegt, die mir im Mittelteil des Romans manchmal etwas zu sehr bloß "durchgeführt" vorkommen. Und den letzten Band, bei dem wir jetzt sind, mag ich, weil er (bisher) so welthaltig ist. Blödes Wort, aber für mein Gefühl tut es der Proustmaschine mit ihrer wahnsinnigen Erzähl-Power gut, wenn sie sich nicht im Leerlauf überhitzt.

Mit Leerlauf meine ich leider vermutlich genau das, was andere an Proust lieben: Wie der Erzähler immer extremer einzoomt auf seine subtilsten inneren Regungen, die sich teils völlig ablösen von der Welt da draußen. Das liest sich für mich oft willkürlich und beliebig, weil sämtliche Regeln und Funktionsweisen dieses Innenlebens eben vom Autor aufgestellt und auch mal – schwups! – geändert werden können.

Umso besser gefällt mir jetzt im letzten Band, dass die Zahnräder der Proustmaschine wieder jede Menge "Draußen" zum Draufrumkauen haben. Paris ist bedroht vom Ersten Weltkrieg und der Erzähler läuft durch eine Realität, die sich so rasant verändert wie in den vergangen sechs Bänden zusammen.

Monsieur de Charlus, einer meiner Lieblingscharaktere, gilt inzwischen sogar in all seinem lasterhaften Begehren als altmodischer "Vorkriegstyp". Einst schwärmte er für schneidige Soldaten, aber gerade das bringt ihn jetzt dazu, den Krieg immer mehr abzulehnen.

"Muss nicht eine Stadt", sagt er, "die über keine schönen Männer verfügt, den gleichen Eindruck erwecken wie eine Stadt, deren gesamte […] Bildhauerkunst vernichtet ist? Was für ein Vergnügen kann ich darin finden, in einem Restaurant zu nachtmahlen, in dem ich von alten Clowns bedient werde, die schon Moos angesetzt […] haben […]? […] [Jetzt] darf man […], wenn man […] seine Augen auf etwas Erfreulichem ruhen lassen will, […] nicht mehr die […] Leute anschauen, die einen bedienen, sondern nur die Gäste […]. Einen Restaurantbediensteten jedoch könnte man noch wiederfinden, wenn sie auch häufig wechseln. Aber woher soll man wissen, wer irgendein englischer Leutnant ist und wann er wiederkommt, da er ja vielleicht […] morgen bereits gefallen sein kann?“

Bravo, Charlus: Pazifist aus Flirt-Gründen!

Madame Verdurin wiederum, die große Salon-Patin, fürchtete bislang nichts so sehr wie den Abgang ihrer "Getreuen" zu den Konkurrenzveranstaltungen von "Langweilern". Folgerichtig, Zitat: "betrachtete [sie] den Krieg als eine Art von gigantischem 'Langweiler', der sie ihr zu entführen versuchte.“

Zum Schluss noch ein schöner Satz über die Irrationalität von patriotischen Gefühlen. Den Satz legt Proust übrigens keiner Figur in den Mund, sondern schreibt ihn einfach so hin: "Man ist für sein Land wie man in einem Liebesstreit für sich selber ist."

Doris Anselm, rbbKultur

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