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Vergessene Autorinnen wiederentdecken - Die Überlesenen: Marieluise Fleißer

In der Reihe "Die Überlesenen", die Autorinnen gewidmet ist, die es unbedingt lohnen, wieder gelesen zu werden, geht es heute um Marieluise Fleißer, die 1974 in Ingolstadt starb, wo sie fast 60 ihrer 72 Lebensjahre verbracht hatte. Berühmt wurde sie mit der Uraufführung ihres Stücks "Pioniere in Ingolstadt" 1929 in Berlin, inszeniert von Bertolt Brecht. Heute werden ihre Stücke immer wieder gespielt, aber als Prosaautorin ist sie vergessen. Zu Unrecht, findet Manuela Reichart, die die Erzählung "Avantgarde" sehr zur Lektüre empfiehlt.

Am 1. Januar 1933 konnte man im Berliner Tageblatt Marieluise Fleißers Antwort auf die Frage lesen, was sie ihren Enkeln in 30 Jahren erzählen werde:

"Von der Stellung der Frau werde ich des langen und breiten sprechen. Stellt euch vor, Kinder, werde ich sagen, in was für einer Zwickmühle sich damals die Frauen befanden. Vor dem Gesetz waren die sogenannten Frauenrechte längst errungen. Der wahre Kampf aber um die persönliche Würde der schaffenden Frau begann erst. Er wurde ausgetragen zwischen den Allernächsten, denen, die sich am meisten liebten und fürs Leben zusammengehörten."

Liebe als Kampf, als Unterdrückung

Der Kampf zwischen Frauen und Männern: Das war auch das zentrale Motiv in Marieluise Fleißers Theaterstücken und Erzählungen und ihrem Roman. Sie hat – im literarischen wie im realen Leben – Liebe stets als Kampf, als Unterdrückung erfahren.

Marieluise Fleißer: "In den Männern ist eine Sucht, Personen, mit denen sie umgehen, herabzusetzen, auf diese leichte Art hebt man sich selber hinauf."

Eine entscheidende Begegnung

Marieluise Fleißer wird am 23. November 1901 geboren. Der Vater ist Eisenwarenhändler in Ingolstadt. Sie darf auf die höhere Schule gehen, nach dem Abitur studiert sie in München, lernt dort den Schriftsteller Lion Feuchtwanger und bei ihm Bertolt Brecht kennen. Diese Begegnung wird entscheidend für ihr Leben: Er liest das Stück, das sie heimlich geschrieben hatte, das da noch "Die Fußwaschung" heißt und später von Brecht den Titel "Fegefeuer in Ingolstadt" bekommen wird.

Durch die Berliner Inszenierung dieses Stücks wird sie mit 25 Jahren berühmt. Brecht setzt sich für sie ein - sie wird eine seiner Frauen.

Gebrochen

Mehr als drei Jahrzehnte später schreibt die Fleißerin, wie Brecht sie nennt, über die Begegnung mit dem Genie, über das Trauma, von dem sie sich nie wirklich erholen, das sie noch Jahrzehnte später umtreiben wird.

"Sie war blutjung, eine kleine Studentin, die sich noch nicht kannte, den Kopf vollgesponnen von ihrem Wollen, das einstweilen doch nur anmaßend war. Mit diesem Wollen geriet sie an ihn und wurde ganz stark gebrochen. Der Mann war eine Potenz, er brach sie sofort. Es würde sich zeigen, ob sie es überstand. Wenn nicht, war sie es eben nicht wert. Schon die Lebensführung wurde gebrochen. Sie schwänzte die Vorlesungen und das Seminar, damit sie zur Hand war, wenn der Dichter sie brauchte. Sie nahm ihm seinen täglichen Kram ab. Seine Zeit war mehr wert - darüber ließ sich nicht einmal streiten."

"Avantgarde" - die eindrucksvolle Geschichte einer jungen Frau und ihrer Befreiung

Fleißers Erinnerung an das Genie Brecht erscheint 1963 unter dem Titel "Avantgarde". Sie selber hatte die Geschichte "Das Trauma" genannt und in die Figur der jungen Studentin Cilly neben eigenen auch Züge der Elisabeth Hauptmann hineinverwoben - eine andere wichtige Brecht-Frau, die jedoch – anders als die Fleißer – die eigene Arbeit zugunsten von Brecht aufgibt, die ihr Leben lang seine Mitarbeiterin bleibt, die 1929 einen Selbstmordversuch unternimmt, als Brecht Helene Weigel heiratet.

"Avantgarde" ist nicht nur ein eindrucksvolles literarisches Dokument über Brecht und sein rücksichtsloses egomanisches Verhältnis zu seinen Frauen, vor allem ist es die eindrucksvolle Geschichte einer jungen Frau, die eine Zeitlang gegen jede Klugheit lebt und sich am Ende dann doch befreien kann. Jedenfalls in der Literatur. Im Leben geriet Marieluise Fleißer an den nächsten manischen Egomanen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Manuela Reichart, rbbKultur

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