Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust 63 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Marcel Proust | Kolumne - "Die wiedergefundene Zeit" (13 - 17)

Diese Woche besuchen wir im Roman ein Bordell für besondere sexuelle Vorlieben. Die Art, mit der Marcel Proust solche "Kinks" betrachtet, gefällt unserer Autorin Doris Anselm ganz gut. Ein perfektes Thema für ihre Mitlesekolumne "Lust und Frust mit Proust".

Kein Kinkshaming

Unser Erzähler verirrt sich nur gaaanz zufällig in dieses sehr spezielle Etablissement, wo ein typisches Alltagsgespräch unter den Kollegen so geht:

"Bist du heute auch zum Schlagen dran?" – "Nein, heute nicht, heute ist Maurice an der Reihe."

Der Autor hingegen, Marcel Proust, soll selbst durchaus recht "kinky" gewesen sein. Wobei es diesen Ausdruck, mit dem man heute wunderbar wertungsfrei vieles zusammenfassen kann, was sexuell über Zärtlichkeit hinausgeht, zu Prousts Lebzeiten noch nicht gab. Hätte aber gut gepasst auf unseren aktuellen Romanabschnitt. Da lässt sich Baron de Charlus, wie offenbar regelmäßig, von einem der hilfsbereiten Mitarbeiter ans Bett ketten und auspeitschen – wonach er dem Chef Jupien selbstbewusst seine Verbesserungsvorschläge mitteilt:

"'Ich wollte vor dem Kleinen nichts sagen, er ist sehr nett und tut, was er kann. Doch ich finde ihn nicht brutal genug. Sein Gesicht gefällt mir, aber er nennt mich 'elender Schuft', als habe er nur eine Lektion auswendig gelernt.‘'"

Darauf bietet Jupien ihm Ersatz an: "'Ich habe da aber gerade einen Mann, der in den Schlachthäusern die Ochsen tötet und der ihm ähnlich sieht, er ist zufällig vorbeigekommen, wollen Sie ihn versuchen?‘ – 'O ja, sehr gern.‘'"

Okay, heute würden professionelle und sicherheitsgeschulte Doms und Dominas an dieser Stelle wohl die Augenbrauen hochziehen: Der Wunsch nach gefühlter Authentizität führt in Jupiens Bordell tatsächlich dazu, dass praktisch jeder zuschlagen darf, der sich ein paar Franc verdienen will und ein böses Gesicht machen kann.

Sehr modern wiederum finde ich Prousts Stellungnahme zu den masochistischen Vorlieben seiner Figur. Zitat: "Wenn Monsieur de Charlus darauf bestand, dass man ihm um Hände und Füße Eisenringe von erprobter Festigkeit legte, wenn er nach der Geißel […] verlangte […], so lag auf dem Grund von dem allem […] auch das ganze innere […] Bildmaterial, das […] aus Kreuzigungswerkzeugen für Verbrecher und Folterinstrumenten der Feudalzeit bestand, mit dem seine mittelalterliche Phantasie ausgestattet war. […] Im Grunde verriet sein Verlangen, gefesselt und geschlagen zu werden, in seiner Hässlichkeit einen ebenso poetischen Traum, wie es bei anderen der Wunsch war, nach Venedig zu reisen oder Tänzerinnen auszuhalten."

Also: Kein Kinkshaming bei Proust, Respekt. Aber seine Einstellung zu dem Thema ist vielleicht einfach nur noch ’ne Ecke komplizierter. Er lässt seinen Erzähler nämlich bedauern, dass Charlus kein Schriftsteller geworden ist und behauptet im "Proustton" der Überzeugung: "Nicht nur Kinder, sondern auch Dichter werden mit Schlägen erzogen."

Puh. Ersteres ist zum Glück heute verboten, Letzteres darf jede dichtende Person selbst ausprobieren, sofern sie volljährig ist. Ich persönlich würde zumindest im Umgang mit Sprache Zärtlichkeit vorziehen.

Proust lesen

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