Das Jahr ohne Frieden – Podiumsdiskussion im Studio 14 © rbb/Thomas Ernst
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Russlands Krieg gegen die Ukraine und seine Folgen - Das Jahr ohne Frieden

"Der Krieg ist eine Gewalt gegen alle Werte, die uns wichtig sind." Katja Petrowskaja

Am Mikrofon: Natascha Freundel

Für Millionen Menschen bedeutet der 24. Februar 2022 die Teilung ihres Lebens in ein Davor und ein Danach: Seit diesem Tag ist nichts mehr, wie es war. Wie verändert Russlands Krieg gegen die Ukraine das Denken, Schreiben und Handeln – in der Ukraine, in Deutschland und in Russland?

Darüber sprach Natascha Freundel mit Dmitrij Kapitelman, Katja Petrowskaja, Jurko Prochasko, Gwendolyn Sasse und Irina Scherbakowa am 24. Februar 2023 in der rbb Dachlounge, STUDIO14.

Jurko Prochasko und Gwendolyn Sasse reagieren auf Jürgen Habermas' Satz, die Ukraine sei "wohl noch immer eine Nation im Werden". Dmitrij Kapitelman zweifelt an der kollektiven Vernunft, wenn er mit seiner Mutter streitet. Katja Petrowskaja möchte Menschenrechte pflegen und verteidigen. Irina Scherbakowa spricht über ihre "Illusion", dass die Aufklärung über Diktatur eine Rückkehr der Diktatur verhindert. Aber man dürfe nicht stumm bleiben.

In diesem Jahr habe ich mich so ohnmächtig wie noch nie gefühlt und so sehr in der Verantwortung wie noch nie.

Dmitrij Kapitelman

Wir fühlen uns alle pleite. Wir haben unser ganzes Leben dafür gearbeitet, dass es nie wieder passieren wird. In unserer Arbeit für historische Aufklärung ging es immer um Menschenrechte, Menschenleben, jetzt und in der Erinnerung. Wir sind alle für den Frieden. Aber wenn ein Deutscher sagt, dass Friede nie mit Waffen erreicht wurde – soll ich die Geschichte des Zweiten Weltkriegs erzählen?

Katja Petrowskaja

„Es gibt keine Sicherheit, keine internationale regelbasierte Ordnung. Davon sind nur Buchstücke vorhanden, und es wird alles davon abhängen, wie dieser Krieg ausgeht. Das Kriegsgeschehen wird bestimmen, auf welcher Grundlage man versuchen kann, global und regional, von unten und von oben, neue Ordnungen zu schaffen.

Gwendolyn Sasse

Sehr viele Dichter, sehr viele Frauen, Künstlerinnen und Künstler spielen für die Ukraine eine große Rolle; schon die ukrainische Hymne hat so viele Menschen vereint. Auf der anderen Seite sehen wir, dass es in Russland gar nicht gelungen ist, irgendeine Kultur zu schaffen, die diesen Krieg unterstützt. Nur Geschrei, man solle alle, die gegen diesen Krieg sind, eliminieren.

Irina Scherbakowa

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Gäste

Dmitrij Kapitelman © Christian Werner
Christian Werner

Dmitrij Kapitelman

1986 in Kyjiw geboren, lebt als freier Autor in Berlin. Mit acht Jahren kam er als jüdischer "Kontingentflüchtling" nach Leipzig. Dort hat er Politikwissenschaft und Soziologie studiert und in München die Deutsche Journalistenschule absolviert. Sein Debütroman "Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters" erschien 2016, gefolgt von "Eine Formalie in Kiew" 2021 (beide Hanser Berlin).

Katja Petrowskaja; Foto: Carsten Kampf

Katja Petrowskaja

1970 in Kyjiw geboren, lebt seit 1999 als freie Autorin in Berlin und Tbilissi. Sie hat in Tartu (Estland) Literaturwissenschaft und Slawistik studiert und in Moskau promoviert. Für einen Auszug aus ihrem Roman "Vielleicht Esther" erhielt sie 2013 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Ihr jüngstes Buch von 2022 heißt "Das Foto schaute mich an" (beide Suhrkamp).

Jurko Prochasko © Olena Pawlowa
Olena Pawlowa

Jurko Prochasko

1970 in Iwano-Frankiwsk geboren, lebt in Lwiw und ist Germanist, Übersetzer und Psychoanalytiker. Er studierte Germanistik und Psychologie in Lemberg und absolvierte eine Ausbildung zum Gruppenanalytiker in Altaussee/Österreich. Er übersetzt aus dem Deutschen, Polnischen und Jiddischen. In Lwiw lehrt er an der Iwan-Franko-Universität und dem von ihm 2010 mitbegründeten Psychoanalytischen Institut.

Jurko Prochasko nimmt per Videoschalte teil.

Gwendolyn Sasse © A. Riedl
A. Riedl

Gwendolyn Sasse

geboren 1972 in Glinde, ist seit Direktorin des Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) und Einstein-Professorin für Vergleichende Demokratie- und Autoritarismusforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zuvor war sie Professorin für Comparative Politics in Oxford. Sie studierte Geschichte, Slawistik und Politikwissenschaft in Hamburg und London. Ihr Buch "The Crimea Question" gewann mehrere akademische Auszeichnungen. Jüngst erschien von ihr: "Der Krieg gegen die Ukraine. Hintergründe, Ereignisse, Folgen" (C.H. Beck Wissen, 2022).

Irina Scherbakowa © privat
privat

Irina Scherbakowa

geboren 1949 in Moskau, ist Historikerin, Übersetzerin und Germanistin. Sie ist Gründungsmitglied der NGO "Memorial International", deren Auflösung 2021 in Russland vollzogen wurde und die 2022 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde.

Bis 2006 lehrte Scherbakowa Oral History und visuelle Anthropologie in Moskau. Sie ist Autorin und Herausgeberin zahlreicher Bücher zu Stalinismus und Erinnerungskultur, darunter „Die Hände meines Vaters“ (Droemer, 2019), "Zerrissene Erinnerung. Der Umgang mit Stalinismus und Zweitem Weltkrieg im heutigen Russland" (Wallstein, 2010) und mit Karl Schlögel "Der Russland-Reflex" (Edition Körber-Stiftung 2015). Nach Russlands großflächigem Überfall auf die Ukraine hat Scherbakowa ihr Land verlassen.

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