Anti-Brexit-Demo in London, Mai 2019; © imago/Alberto Pezzali
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- Stürmische Zeiten

Der "Brexit" im Spiegel britischer Romane
Eine Sendung von Thomas Diecks

Brexit oder Nicht-Brexit? Eine Frage, die das Vereinigte Königreich seit einigen Jahren spaltet. Auch in die Literatur hat das Thema mittlerweile Einzug gehalten: 2016, schon vier Monate nach der Volksabstimmung über den "Brexit", erschien Ali Smith Roman "Autumn", dem die britische Kritik gleich das Etikett "Erster Post-Brexit-Roman" verpasste – so gut spiegelte er offenbar die Stimmung wider, die viele Briten befiel, die damals für den Verbleib in der EU gestimmt hatten.

Was im ganzen Land geschehen war, das schlug wild um sich wie eine Stromleitung, die vom Sturm von einem Mast abgerissen worden war und nun über den Bäumen, den Dächern, dem Verkehr durch die Luft peitschte. Im ganzen Land hatten Menschen das Gefühl, es war die richtige Sache. Im ganzen Land hatten Menschen das Gefühl, es war die falsche Sache. Im ganzen Land googelten Leute: Was ist die EU? Im ganzen Land googelten Leute: Umzug nach Schottland. Im ganzen Land googelten Leute: Irische Reisepassanträge.

Ali Smith: "Autumn"


Ali Smith ist eine der renommiertesten Schriftstellerinnen des Vereinigten Königreiches, Kritiker halten sie für eine Anwärterin auf den Literaturnobelpreis. Seltsamerweise ist der Brexit-Roman "Autumn" noch nicht ins Deutsche übersetzt worden.

Anders als zum Beispiel "Die Mauer" von John Lanchester, der Roman erschien dieses Frühjahr auf Deutsch. Auch Lanchester verarbeitet den Austritt Großbritanniens aus der EU literarisch, wenn auch allegorisch, indem er von einer Mauer erzählt, die das Land umgibt und keine Fremden mehr hereinlässt.

Jonathan Coes "Middle England" wird erst Anfang 2020 in einer Übersetzung vorliegen. Der Roman ist ein Panorama der gegenwärtigen britischen Gesellschaft, wobei sich der Titel nicht auf eine geographische Region bezieht, sondern auf die überwiegend konservativ eingestellte Mittelschicht auf dem Lande. Unter der idyllischen Oberfläche liegen Ängste verborgen, die Menschen sind verunsichert, ihre Wut können sie kaum mehr unterdrücken.

Wie auch in Sam Byers "Perfidious Albion", das diesen Sommer mit dem Titel "Schönes neues England" auf Deutsch erscheinen wird: Auch dieser Roman spielt in der englischen Provinz einer nahen Zukunft nach dem Brexit und zeichnet das Bild einer verängstigten unteren Mittelschicht. Byers, so die "Financial Times", sei "ein subtiler Chronist des gegenwärtigen Unbehagens".

Diese vier Romane zeigen, wie Literatur seismographisch ein Stimmungsbild zeichnen kann: Die britischen Inseln sind in unruhiges Fahrwasser geraten, die Gesellschaft ist tief gespalten.

Zum Weiterlesen

Jonathan Coe: "Middle England"

Viking, London 2018. 424 Seiten, 16,99 Britische Pfund

Die deutsche Ausgabe wird voraussichtlich im Februar 2020 bei Folio in Wien erscheinen.

Ali Smith: "Autumn"

Hamish Hamilton, London 2016. 264 Seiten, 16,99 Britische Pfund

John Lanchester: "Die Mauer"

Aus dem Englischen von Dorothee Merkel.
Klett-Cotta, Stuttgart 2019. 348 Seiten, 24,00 Euro

Originalausgabe: "The Wall"
Faber & Faber, London 2019. 288 Seiten, 14,99 Britische Pfund

Sam Byers: "Perfidious Albion"

Faber & Faber, London 2018. 387 Seiten, 15,99 Britische Pfund

Die deutsche Ausgabe erscheint am 24. August 2019 unter dem Titel "Schönes Neues England"
Aus dem Englischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann.
Klett-Cotta, Stuttgart. Ca. 480 Seiten, ca. 24,00 Euro