Karin Kalisa; © Elisabeth Mohn
Elisabeth Mohn
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Das Literarische Gespräch - Karin Kalisa: "Radio Activity"

Eine Hymne an das Radio und eine Suche nach den Grenzen der juristischen Sprache - Karin Kalisas zweiter Roman bewegt sich zwischen zwei Gegenpolen: dem Sprechen und dem Schweigen.

Mit ihrem Debutroman "Sungs Laden" hat die Berliner Autorin 2015 einen Überraschungserfolg erzielt. Die gutgelaunte Geschichte über eine vietnamesische Einwandererfamilie in Berlin Prenzlauer Berg begeisterte viele und stand Monate auf der Bestsellerliste.

Nun ist ein zweiter Roman erschienen "Radio Activity". Wie in ihrem Debut gelingt es Kalisa, von schweren Themen zu erzählen, und dabei dennoch leichtfüßig und beschwingt zu bleiben, mit einem tiefen Glauben an die Menschlichkeit.

Es war mir ein Anliegen, mich nicht auf die Seite des Leichteren oder Schwereren zu stellen. Dass habe ich ja nicht erfunden: Dass es mitten im Schmerz oft etwas gibt, woran man sich festhalten kann.


Da ist die junge Nora Tewes, die nach einigen Jahren in New York zurückkehrt in eine mittelgroße norddeutsche Stadt, die Mutter ist schwer krank geworden. Fortan treibt Nora das Vermächtnis um, das die Mutter ihr am Sterbebett mitgibt: Als sie selbst ein Kind war, wurde sie vom Apotheker des Dorfes missbraucht, gesprochen hat sie darüber nie.

Nora Tewes gründet mit zwei Freunden einen neuen Radiosender. Als "Holly Gomighty" moderiert sie die Morgensendung, und dem neuen Lokalsender "Tee und Teer" gelingt das, wovon alle Radiomacher träumen: Sie begeistern die Massen, ihre Hörerinnen und Hörer verstellen die Frequenz nicht mehr. Dieses neue Forum nutzt Nora, um das Verbrechen, das ihre Mutter als Kind erleben musste, in der Gegenwart neu aufzurollen.

"Ich glaube, dass Radio in seiner leichten Verfügbarkeit für Generationen etwas dargestellt hat, mit dem man sich sehr stark verbunden hat. Man ist mit den amerikanischen Soldatensendern groß geworden, mit AFN oder mit den neugegründeten Jugendsendern. Mir ging es um ein Gedankenexperiment, sich etwas vorzustellen, was in der heutigen Radiolandschaft nicht mehr ganz leicht ist: nämlich einen Radiosender zu konzipieren, den alle gerne hören."

Karin Kalisa hat unter anderem Sprachphilosophie studiert, vor allem die Texte Ludwig Wittgensteins haben sie begeistert. Damals sei eine Tür für sie aufgegangen, beschreibt sie, um mit dem Reichtum der Sprache und ihrer gleichzeitigen Unzulänglichkeit umzugehen.

"Radio Activity" stellt u.a. die Frage, was es bedeutet, wenn ein Verbrechen nicht mehr öffentlich verfolgt wird, wenn es verjährt, und wie die juristische Sprache darauf antwortet. Wie leben Opfer von Verbrechen mit einer juristischen Sprache, die sich zum Teil weit von ihrer Lebenswelt entfernt hat?

Im Literarischen Gespräch spricht Karin Kalisa u.a. über die Entstehung ihres zweiten Romans, den Zynismus von Worten und ihren Glauben an die Kraft des Radios.