Im Studio des SFB: Karlheinz Drechsel moderiert bei Radio Kultur die "Memories in Jazz", Berlin 1999; © dpa/Andreas Gebhard
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- Some Of These Days

Erinnerungen an Karlheinz Dechsel (14. November 1930 – 5. Oktober 2020)

Am Mikrofon: Ulf Drechsel

Er war der wichtigste Musikjournalist der DDR - in Sachen Jazz. Und blieb auch nach der Wende fachkundiger Moderator auf den Bühnen im ganzen Land. "Dr. Jazz", bürgerlich Karlheinz Drechsel, wurde 2004 sogar mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Jetzt ist er in hohem Alter gestorben, am 14. November wäre er 90 Jahre alt geworden.

Eine Situation, die bezeichnend werden sollte für das Leben und Wirken des Karlheinz Drechsel: anderen den Jazz näherbringen. Auch unter Schwierigkeiten. In der Schule zerbricht ein SA-Lehrer die Schelllackplatten, Benny Goodman war Jude. In der Bombennacht von Dresden verliert Karlheinz mit seinen Eltern die Wohnung – und seine Plattensammlung. Später dann spricht Walter Ulbricht in der jungen DDR nicht von “Jazz“, sondern von "Affenmusik".

Drechsel, der als studierter Theaterwissenschaftler beim Berliner Rundfunk zunächst als Regieassistent arbeitet, bleibt seiner Liebe treu, trommelt, hält Jazz-Vorträge im Kulturbund, gründet einen Swing-Zirkel und moderiert 1952 seine erste Jazzsendung im Deutschlandsender. Unter trickreichem Vorwand: "Die Wahrheit über Amerika beinhalte schließlich auch diese proletarische Kultur des Jazz".

1965 dann eine Art Wunder in der DDR: Louis Armstrong geht auf Tournee und Karlheinz Drechsel wird der Chef-Ansager auf der Bühne. In einem Brief nennt ihn Armstrong später den "Besten Zeremonienmeister, der mich und meine Allstars je vorgestellt hat."

Unverzichtbarer Zeremonienmeister wird Drechsel auch im Radio, nach dem Deutschlandsender kommt der Berliner Rundfunk. Drechsel ist der Mittler fürs Publikum in der DDR, sein Name bald: "Dr. Jazz". Und ob im Radio oder auf der Bühne – die Oberen kriegen ihn nicht klein.

Mit der Wende erhält der "Dr. Jazz der DDR" eigene Rundfunksendungen in den Kulturprogrammen der ARD, unter anderem beim damaligen Radio Berlin und Radio Kultur. Er begründet neue Konzertformate wie "Jazz im Gewandhaus" und auch sein Dresdner Dixieland-Festival lebt weiter.

2012 greift Drechsel auf genau diesem Festival zum Mikrofon, um zusammen mit den Elb Meadow Ramblers seinem Publikum ein fast letztes Lächeln zu schenken. Nicht moderierend, sondern singend. Mit einer Hand stützt sich der 82-Jährige am Flügel ab. Der Fuß wippt immer noch im Takt.

Privat liebte Karlheinz Drechsel vor allem Bebob und Hard-Bop, präsentieren aber konnte er alles und jeden. Als er 2004 das Bundesverdienstkreuz verliehen bekam, hatte er über 3.500 Sendungen im Rundfunk moderiert. Mit 85 Jahren hat sich Dr. Jazz von der Bühne verabschiedet. Er wolle nie da runterfallen, sagte er. Sondern in Würde abtreten.

Ulrike Jährling, rbbKultur

Musikliste 11.10.2020 23:04 Late Night Jazz

Some Of These Days - Erinnerungen an Karlheinz Drechsel

mit Ulf Drechsel

Tonträger Werk Zeit
RCA Records LabelLC 00316Best.Nr ND82361 Oh, didn't he ramble (Take 1) Jelly Roll Morton's New Orleans Jazzmen
Jelly Roll Morton
J. Rosamond Johnson
aus: The Jelly Roll Morton Centennial - His complete Victor Recordings 1926-30; 1939
03:08
Emarcy RecordsLC 00699Best.Nr I2264921 Parker's Mood CHARLIE PARKER ALL STARS: Charlie Parker (ts) John Lewis (p) Curly Russell (b) Max Roach (dr) Charlie Parker
aus: Charlie Parker - Complete Masters 1941-54
03:06
L + R RecordsLC 01998Best.Nr CDLR71.002 Set 'em up ALBERT MANGELSDORFF QUINTETT - Albert Mangelsdorff (tb) Ralf Hübner (dr) Günter Lenz (b) Heinz Sauer (ts) Günter Kronberg (as) Albert Mangelsdorff
aus: Tension
06:11
jazz pointLC 07223Best.Nr CDJP 1062 When it's sleepy time down south Louis Armstrong & His All Stars - Louis Armstrong (tp, voc) Billy Kyle (p) Tyree Glenn (tb) Eddie Shu (cl) Arvell Shaw (b) Danny Barcelona (dr) Leon T. René Otis J.jr René Clarence Muse
aus: Satchmo live in Berlin "Friedrichstadtpalast" - Thelegendary Berlin Concert, Part 1
03:32
AMIGALC 00000Best.Nr 8 55 114 Vietnam Blues Junior Wells (voc, harm), Otis Rudh (g), Jack Myers (b), Freddie Below (dr) Junior Wells
aus: American Folk Blues Festival 1966 - 1
04:18
Flying DutchmanLC 00000Best.Nr FD-10134 Berlin Dialogue For Orchestra; 4. Staz: Over The Wall Oliver Nelson And The "Berlin Dreamband"
Oliver Nelson
Oliver Nelson
aus: Oliver Nelson And The "Berlin Dreamband" ‎– Berlin Dialogue For Orchestra - Berliner Jazztage 1971
05:00
CBSLC 00149Best.Nr 32109 Blue in green MILES DAVIS QUINTET - Miles Davis (tp), John Coltrane (ts), Bill Evans (p), Joe Chambers (b), Jimmy Cobb (dr) Bill Evans / Miles Davis
aus: Kind of Blue
05:27
BluesongLC 06438Best.Nr 94161-421 Everything Must Change Pascal von Wroblewsky (voc), Reinhard Walter (p, key) & Studioband Bernard Ighner
aus: Swinging Pool
05:38
BUSCHFUNKLC 06312Best.Nr 00632 God shall wipe all the tears away Uschi Brüning (voc), Ulrich Gumpert (Hammond B3) Traditional (Bearb. Uschi Brüning)
aus: Gumpert Hammond B3-Projekt - Swingin' ballads
02:45
IntaktrecLC 11265Best.Nr Intakt CD 037/1994 Conference at Lutens ZENTRALQUARTETT - Ernst Ludwig "Luten" etrowsky (as), Conrad Bauer (tb), Ulrich Gumpert (p), Günter "Baby" Sommer (dr) Ulrich Gumpert
aus: PLIE
02:58
AMI 24.deLC 00000Best.Nr CD 0504552 Some Of These Days BLUE WONDER JAZZBAND - Manfred Böhlig (tp), Frank Geipel (reeds), Gert Müller (tb, arr), Lutz Rethberg (p), Klaus-Georg Eulitz (bj), Dietmar Bazant (tu), Lutz Käubler (dr), a.G. Karlheinz Drrechsel (voc) Shelton Brooks
aus: 30 Jahre Blue Wonder Jazzband - Jubiläumskonzert
04:35