Jürgen Gressel-Hichert © privat
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- Unterwegs zur Arbeit 2 – Flexibel ist Teufelszeug, manchmal sogar ein verdammt gutes.

Die Arbeitswelt der Zukunft - das ist nicht nur das Homeoffice. Sie ist vielmehr gekennzeichnet von Flexibilität - fast könnte man sagen - bis zum Umfallen. Was macht das mit mir, mit meinen Kolleg*innnen, mit unserer Gesellschaft?

Flexibles Arbeiten - eigentlich eine schöne Sache. Büro von neun bis fünf. Das war mal. Heute ist man erreichbar rund um die Uhr. Und deswegen auch: Feierabend - das war mal.

In der Realität sieht das dann oft so aus, dass man kaum noch gemeinsame Freizeit organisieren kann. Wo früher bei vielen das Wochenende frei und der Abend für die Familie reserviert war, warten heute Aufträge, die fertig werden müssen, notwendige Fortbildungen und einfach ganz viel Stress.

"Wir müssen die Uhren loswerden!" fordert der Zeitforscher Karl-Heinz Geißler, der seit Jahren ein flexibles Zeitmanagement einfordert. Wir müssen uns nach uns selber richten, „denn sonst gehen wir in der Zeit verloren und die Zeiten sind fremde Zeiten. Wir erleben sie nicht als eigene Zeiten."

Uhren loswerden!
Aber wie geht das? Ich erlebe die Entdeckung der Flexibilität als ein sehr zwiespältiges Unterfangen. Niemand sagt einem: "Genug gearbeitet!" Da wird einfach flexibel weitergemacht, wenn nötig. Mehr Geld gibts dafür nicht unbedingt. Oder es wird flexibel nichts gemacht, wenn gerade nichts zu tun ist. Geld gibts dafür eigentlich nicht. Natürlich: Wir haben „Unser soziales Netz“. Und Kurzarbeitergeld. Gibts. Aber längst nicht für alle.

Die Folgen dieser entgrenzten und flexiblen Arbeitswelt merke ich immer wieder. Trotz Corona und eingeschränkter Ausgehmöglichkeiten - einige Kolleginnen und Kollegen, eine Reihe von Freunden und Angehörigen in künstlerischen Berufen sind kaum mehr zu sprechen. Arbeiten - so scheint es - flexibel rund um die Uhr. Viele aus Angst, verbleibende Aufträge nicht auch noch zu verlieren. Andere auch, weil sie keine Grenzen setzen können zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit. Oder weil sie den Unterschied im Homeoffice nicht mehr merken.

Anders arbeiten!
Ich treffe mich in Kreuzberg mit einem Unternehmer, der es etwas anders macht - mit der selbstbestimmten Arbeit und der Unternehmenskultur. Waldemar Zeiler hat vor fünf Jahren EINHORN gegründet. Chefs gibts hier nicht. Entscheiden. Das machen alle. Und es klappt mittlerweile. Anwesenheit und Urlaub entscheidet jede*r in Absprache mit den anderen. Flexibles Arbeiten von zuhause oder im Büro - kein Thema. Es gibt Boni nicht für die Chefs oder irgendwelche Investoren, sondern für werdende Eltern oder für Weiterbildung. Monatliche Clear-the-Air-Meetings sollen anstehende Probleme lösen, auch das ist längst Routine.
Effekt: weniger Stress, die Mitarbeiter bleiben länger im Unternehmen, die Arbeitszufriedenheit ist höher als anderswo.

Aber kann man so auch in großen Unternehmen arbeiten? Kann so eine Volkswirtschaft funktionieren? In Skandinavien sind solche flexiblen Arbeitsmodelle längst eher die Regel als die Ausnahme. Und auch dort funktioniert es. Und noch etwas anderes lerne ich bei meiner Beschäftigung mit der Arbeitswelt 2.0: Wenn man gesellschaftliche Zufriedenheit herstellen will, dann muss man für eine gewisse Grundsicherung für alle sorgen. „Je früher wir damit anfangen,“ meint Waldemar Zeiler, „desto eher verhindern wir soziale Unruhen.“
Wie das aussehen könnte, darüber berichte ich im dritten Teil des Rasend-langsam-Podcasts "Unterwegs zur Arbeit."

Jürgen Gressel-Hichert, rbbKultur