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- Unterwegs zur Zweiten Welle

Sind wir schon drauf? Kommt sie überhaupt und was kommt dann auf uns zu? Ein kleines Virus macht die Welle und stellt große Fragen. Und nicht jeder ist so drauf wie Mister President, der noch krank mal eben eine kleine Spritztour mit dem SUV hinlegt, bevor er sich wieder hinlegt. In sein Krankenbett. Oh Trump! Oh GröPAZ … Oh Größter Präsident aller Zeiten.

Es gehört - glaub ich - zu den größten Irrtümern dieser Krise, dass wir uns sicher fühlen könnten, und dass das Leben einfach so weiterlaufen würde wie in den Jahren davor. Auch wenn im Wochenrhythmus beschworen wird, dass es bald, sehr bald, also fast schon heute einen Impfstoff geben wird. Tatsächlich ist der noch in wahrscheinlich weiterer Ferne als manch ein Politiker denkt.

Das neue Normal
Und es gehört ja auch offenbar zur Tücke dieses Virus, dass selbst eine überstandene Krankheit unter Umständen nicht automatisch länger immun macht.

Das neue Normal. Ich radle durch die Stadt. In den ersten Monaten der Pandemie hatte ich die Straße oft für mich alleine. Ein merkwürdig schönes Gefühl. Jetzt ist es wieder so wie immer. Erste Beobachtung: es trifft nicht alle Leute gleichermaßen hart. Für die einen ist es existentiell - die Liste ist lang - von A wie Aussteller bis Z wie Zuschauer. Ich komme an Läden vorbei, die geschlossen haben und wahrscheinlich nicht wieder aufmachen werden. Bars gehören dazu, Diskotheken, ein Ticket-Counter, ein Schmuckladen.

Dahinter stecken manchmal Einzelschicksale. Oft sind es aber ganze Wirtschaftszweige, die einfach wegbrechen. Künstler sind betroffen, Handwerker, aber auch die gesamte Veranstaltungsbranche und und und.

Neuanfänge - fast
Aber auch das gibt es: Boomende Branchen. Lieferservice und Online-Handel gehören dazu. Auf meiner Tour entdecke ich zwei neue Fahrradgeschäfte und einen Bioladen, der gerade aufmacht. Abends ist es deutlich ruhiger in den sonst so angesagten Szene-Bezirken, tagsüber kann ich eine Verödung der Innenstädte zumindest in Berlin und Potsdam nicht feststellen.

Und es gibt auch erste Anzeichen einer neuen Normalität. Die Schriftstellerin und Verlegerin Tanja Langer hat wieder erste Lesereisen unternehmen können - mit Abstand und im Freien, aber immerhin fast wie in Echt. "Beglückend" fand sie es: "Dieses Gefühl, etwas wird aufgenommen, was für andere eine Bedeutung hat. Also dieser Satz von Paul Celan: das Gedicht braucht ein Gegenüber."

Schönheit
Die Krise hat mich mehr auf mich selbst verwiesen. Ich habe gemerkt, mit welchen nützlichen und ganz oft mit welchem unnützen Kram man die Zeit vertändelt. Manchmal denke ich: Luxusgedanken. Obwohl ich genau diesen Satz von fast allen höre. Von Künstlern, die momentan weniger zu tun haben. Von einem Taxi-Fahrer, der gerade Hans Fallada angefangen hat zu lesen. Kleiner Mann, was nun? Die Pausen zwischen den Fahrten sind einfach zu lang, stöhnt er.

"Zuflucht im Schönen." Tanja Langer hat ihren Vlog, ihr Video-Tagebuch, so genannt. "Wie ein kleines Fenster am Tag, das man öffnet und wo man etwas mitteilen kann, was anderen Freude machen." Schönheit als Trost, frage ich.

Ich denke, dass Schönheit ein Trost ist, wenn man Schönheit nicht als so ein billiges Kitsch-Bildchen begreift, sondern eben, wie es in der Kunst und in der Literatur ist. Die Schönheit hat immer einen dunklen, einen herben Grund. Sie steht auch im Zusammenhang mit dem Unterschied zum Schrecken, wenn man so will.

Hat diese bisherige Zeit der Pandemie gar etwas Nützliches geschaffen? Ich traue mich manchmal ganz vorsichtig, solche Gedanken zu haben. Klar. Corona hat schon jetzt unendlich viel Leid verursacht. Darf ich trotzdem sagen, dass mich diese besondere Zeit nachdenklicher entlässt und dass ich mit Blick auf eine mögliche Zweite Welle vielleicht gelernt habe, gelassener zu sein?

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