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- Unterwegs zum Impfstoff

Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht neue Erfolge gemeldet werden - auf der Suche nach dem erlösenden Impfstoff gegen die herrschende Pandemie. Aber so weit ist es - wie es scheint - noch lange nicht.

Etwas naiv habe ich am Anfang geglaubt, dass es bei so viel konzertierter Aktion und so viel Geld, das in die Forschung geweckt wird, vielleicht nur ein paar Wochen dauern würde bis Impfstoff-Kandidaten feststehen, dann getestet und schließlich flächendeckend geimpft werden können. Ich hab das vor allem deshalb geglaubt, weil ja der neue Erreger und seine genetischen Informationen binnen weniger Wochen entschlüsselt waren. Doch weit gefehlt.

Auch gut ein halbes Jahr nachdem die Weltgesundheitsorganisation die Verbreitung des neuen Coronavirus erstmals als Pandemie einstufte, gibt es nur wenig Hoffnung, dass der Spuk bald zu Ende sein wird. Etwa 200 Impfstoff-Kandidaten befinden sich in der Entwicklung. Einige werden bereits an Menschen getestet. Produktionsstraßen werden aufgebaut, damit man gleich loslegen kann mit der Produktion. Es ist ein Milliarden-Spiel.

Impfstoff nicht in Sicht
Aber gemach - laut Nationaler Lenkungsgruppe Impfen - können auch Ende September 2020 - Zitat - noch "keine verlässlichen Aussagen darüber getroffen werden, welches dieser Projekte am erfolgversprechendsten ist oder wann es einen sicheren und wirksamen Impfstoff geben wird, der vor COVID-19 schützt." Zitatende

Und diese Einschätzung bezieht sich zur Zeit auch auf solch hoffnungsfroh klingende Versuche wie den Impfstoff Sputnik V, Versuche, die in Russland gestartet wurden und mit viel Propaganda suggerieren sollten: wir haben die Lösung. Ehrlicherweise weiß es niemand.

Ich blättere in einigen Alten Büchern, die sich mit der Geschichte der Seuchen beschäftigen. Und stoße auf eine erschreckende Zahl: Die Spanische Grippe rollte vor 100 Jahren in drei Wellen über diesen Globus und ihr fielen mehr Menschen zum Opfer als während des ersten Weltkrieges. Insgesamt steckte sich jeder Dritte damals Lebende mit dem gefährlichen Influenza-A-Virus an.

Die spanische Grippe
Sie heißt so, weil sie erstmals in Spaniens freier Presse erwähnt wird. Entstanden ist sie höchstwahrscheinlich in den USA, kam aus einem Militärlager in Kansas. Auch wenn eine sehr ähnliche Epidemie aus China gemeldet wurde.

Mit den massiven Truppentransporten 1918 gelangte diese Form der Influenza nach Europa, erzählt Axel Hüntelmann, der sich an der Berliner Ferien Universität sehr intensiv mit Seuchengeschichten auseinandergesetzt hat

"Die Frage der Verbreitung beispielsweise ist natürlich auch dadurch bedingt, und auch also der Wucht, die sie dann entfalten konnte, dass wir uns also in einer völlig sich auflösenden Gesellschaft befunden haben mit Soldaten, die also von den Kriegsschauplätzen in alle Herren Länder wieder zurück fahren, mit vollkommen aufgelösten Staatswesen, die also keinerlei Quarantäne Maßnahmen Isolierungsmaßnahmen, aber auch keinerlei Kapazitäten der Krankenbehandlung haben, mit infizierten Körpern, die also völlig ausgezehrt sind von vier Jahren Krieg, Mangelernährung und Mangel-Gesellschaft. Also wir haben hier ein Virus, das dann auf eine optimale Bedingungen trifft."

Mehr als 25 Millionen Opfer, andere zählen über 50 Millionen Tote - das war die Bilanz der „Spanischen Grippe“, die 1918 und 1919 die Welt heimsuchte. Und der auch zahlreiche Prominente erlagen wie der Maler Egon Schiele und seine Frau, der Soziologe Max Weber, der türkische Sultan Mehmed der 5. und der - damals noch weniger prominente - Frederick Trump, Großvater des amtierenden US-Präsidenten.

Im damaligen Deutschen Reich kostete die Grippe etwa eine halbe Million Menschen das Leben. Gegen die Seuche, die vor allem die Lungen angriff und die Menschen zum Teil qualvoll ersticken ließ, gab es kaum Hilfsmittel.

Hygiene hilft
Hygienevorschriften wie Abstand und Masken waren zwar auch damals als vorbeugende Maßnahmen bekannt, doch in Militärstationen, Gefangenenlagern, aber auch in den Mietskasernen der Ballungsräume hatte das Virus leichtes Spiel.

Und auch das konnte man beobachten: Wenn Politiker schnell reagierten und Kranke isolierten oder öffentliche Einrichtungen schlossen, wurde das Virus weniger gefährlich als bei weitgehender Ignoranz, die es auch damals schon gab.

Und dann: fast so wie sie gekommen war, ist die Spanische Grippe auch wieder verschwunden. Das ist jetzt mehr als 100 Jahre her und eigentlich hätte ich erwartet, dass man schon seit langem alles über die Spanische Grippe weiß. Aber weit gefehlt. Erst 1933 wurde der Auslöser der Krankheit als ein Virus identifiziert.

Ihre vollständige Erbinformation konnte übrigens erst im Jahre 2005 entschlüsselt werden. Durch Zufall wurde noch erhaltenes Zellgewebe entdeckt. An einem sehr abgelegenen Ort, konserviert im Permafrostboden Alaskas.

In einem Dorf auf der Halbinsel Seward waren damals fast alle Bewohner an der Spanischen Grippe erkrankt, die meisten starben. Diese lokale Tragödie war fast vergessen worden. Ihre Entdeckung glich einer Sensation, weil man so die bis dato wohl größte Epidemie der Neuzeit genetisch entschlüsseln konnte.

Einen universellen Influenza-Impfstoff gibt es auch hundert Jahre nach der schwersten Grippe-Epidemie aller Zeiten nicht. Jedes Jahr wird lediglich gegen die drei oder vier saisonal wahrscheinlich am häufigsten zu erwartenden Grippe-Virus-Typen geimpft.

Was regionale Grippe-Epidemien nicht ausschließt, an denen wie 2017/18 einige Tausend Menschen allein in Deutschland sterben können. Aber solche Zahlen werden - wie auch die Ereignisse rund um die Spanische Grippe - merkwürdigerweise immer wieder verdrängt.

Was wiederum dazu führt, dass sich bis letztes Jahr gegen die „normale“ Grippe nur jeder Zehnte impfen lässt. Die gerade beginnende Impfsaison wollen zwar mehr Leute als bisher nutzen. Andere lehnen sie nach wie vor ab.

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