Geschlossene Filiale der Warenhauskette Karstadt auf dem Kurfuerstendamm, Berlin 2020; © imago-images/Jens Schicke
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- Unterwegs zum Kaufhaus

Sie spielten mal im Leben vieler Menschen eine wichtige Rolle: Waren- oder Kaufhäuser. Konsumtempel, in denen man alles bekam, was man wollte und meist mehr ausgab als man sollte. Sie dienten Filmen als Kulissen, waren Hassobjekte für Umstürzler, Lieblingsorte für Schickeria wie für Otto Normalo. Sie waren Magneten für Kieze und Innenstädte, was man jetzt, wo viele dicht machen, schmerzlich bemerkt.

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten großen Warenhäuser zum Beispiel im Nachbarland Frankreich: Le Bon Marché in Paris oder die Grands Magasins du Louvre, die sogar - durch Émile Zolas Roman „Das Paradies der Damen“ - zu literarischem Ruhm gelangten.

Große Warenhäuser öffneten in Deutschland etwas später. Und waren jahrzehntelang mit Namen wie Wertheim, Tietz oder Jandorf verbunden. Sie prägten einen ganz neuen Stil des Einkaufens.

Demokratische Kaufkultur
"Das ist immer so schön daran auch abzulesen, wie man in einem Warenhaus reingeht. Man geht nicht rein und sagt guten Tag, sondern das Warenhaus, ist von vornherein unpersönlicher und anonymer",
erzählt der Historiker Klaus Strohmeier, der seit den 1980er Jahren das Phänomen „Warenhaus“ und seine Eigenarten untersucht: Es wird beispielsweise nicht gehandelt. Jeder zahlt den gleichen Preis und deshalb kommt er zu dem Schluß: "Man kann davon sprechen, dass das Warenhaus den Konsum demokratisiert hat."

Und noch etwas war neu: das "Kulanz gewähren": ein Rückgaberecht, wenn etwas nicht gefiel oder passte. Das Wichtigste aber ist der neue Ort, den man aufsuchte, weil man eben "nur mal kieken will".

"Das ist nicht einfach nur der Kaufakt. Da gibt es Cafés, da gibt es Palmengarten. Da gibt es Dachgärten, zum Beispiel Karstadt - am Hermannplatz 1929 errichtet, das modernste und größte Warenhaus in Europa - da geht man auch hin, um sich zu treffen."

Event-Häuser
Warenhäuser hatten Event-Charakter. Sie waren nicht nur einfache Läden, in denen man alles unter einem Dach fand, sondern sie waren auch Kultureinrichtungen. Beim großen Wertheim-Kaufhaus in der Leipziger Straße fanden Konzerte und Lesungen statt. Man traf sich im dortigen Café oder liess sich einfach durch die Menge treiben. Bummeln gehen. Das war vielfach an ein Warenhaus gekoppelt, wo man sein konnte, sich anregen konnte, aber nichts kaufen mußte.

Mit den Kaufhäusern entstand der Beruf der Verkäuferin oder des Verkäufers neu. Und soziale Verantwortung für die Angestellten. Nach dem Krieg erlebten die Warenhäuser im Wirtschaftswunderland West-Deutschland noch einmal eine Blütezeit, auch in der DDR waren sie wichtige Versorgungseinrichtungen der Bevölkerung mit Konsumartikel und Waren des täglichen Bedarfs.

Im Westen begann schon vor der Wiedervereinigung der fast unaufhaltsame Niedergang der großen Konsumtempel mit den konkurrierenden Spezialmärkten und -ketten, später dann mit Versand- und Online-Handel.

Heute orientieren sich ein paar exquisite Kaufhäuser wie das KaDeWe eher an Luxus-Angeboten. Sie könnten überleben. Die meisten anderen werden sich neu dem Kiez öffnen müssen, um eine weitere Verödung der Innenstädte entgegenzuwirken. Ob das aber mit den bisherigen Konzepten gelingt?
Jürgen Gressel-Hichert, rbbKultur

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