Jürgen Gressel-Hichert © privat
rbbKultur
Bild: privat Download (mp3, 27 MB)

- Unterwegs im sommerlichen Garten - eine Erinnerung mit literarischem Gast

Kann man den Garten wirklich gestalten? Kann man gegen das Wetter etwas ausrichten? Kann man vom Garten ... lernen. In diesem merkwürdigen Sommer war ich öfter draußen in meinem kleinen Paradies - sogar mit literarischer Begleitung. Und döse mich durch die Weltgeschichte. Und durch Rosen und Tomatenpflanzen.

"Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.

Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,

und auf den Fluren lass die Winde los." 


Aber bitte noch nicht gleich. Erstmal muss der Garten winterfest gemacht werden.
Ich setze mich mit Jacke, einer Decke und einem Tee in die letzten Sonnenstrahlen des Herbstes und schaue dem Treiben im Garten zu. Die beiden Eichhörnchen jagen sich, horchen in den säuselnden Wind, vergraben Haselnüsse und Eicheln für die raue Zeit. Blätter fallen und bedecken den sommer-saftig-grünen Rasen. Sieht so schön aus, wie er sich langsam zudeckt und mit roten, gelben und braunen Farbtupfern - die ganze Farbpalette des Herbstes liegt mir zu Füßen - Aber es hilft alles nichts: Der Rasen muss vom Blattwerk befreit werden. Sonst bilden sich Fäulnis-Bakterien und der vormals grüne Rasen wird braun und konvertiert zum Paradies von Moosen und Pilzen. Aber - das haben mir einige umweltbewußte Gartennachbarn erzählt, man kann das Laub auf die Beete harken und rund um die Bäume aufhäufeln. Dann kann es eine Wärmedecke bilden, wenn es richtig kalt wird und bis zum Frühjahr auch den Boden verbessern. Und unter den Gehölzen mit den Knallerbsen soll man es schon deshalb liegen lassen, damit Igel und andere kleine Tiere dort überwintern können.

"Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;

gib ihnen noch zwei südlichere Tage,

dränge sie zur Vollendung hin, und jage

die letzte Süße in den schweren Wein."

Mein Garten im Herbst - das ist vor allem die Zeit der Veränderung. Der Garten scheint langsam Abschied zu nehmen von diesem Jahr, aber in Wirklichkeit sind viele Pflanzen gerade jetzt noch immer hoch aktiv. Wenn man jetzt etwas umgräbt, entdeckt man, dass viele Wurzeln neue Triebe ausbilden. Und die Gartenzwiebeln träumen aktiv von Tulpen- und Narzissenpracht.
Während der Garten schläft und sich dabei erholt, ist es Zeit, mal ein wenig um den Garten herum zu schauen.

Im Corona-Jahr 2020 haben viele das Interesse an Gärten entdeckt - als Naherholungsort, Oase, Auslauf, der einem sonst fehlt, als Ort auch, um aus Homeoffice oder Online-Schule mal für ein paar Stunden auszusteigen.

"Meine Grundthese ist: Aus Grau Grün machen!"

Carlo Becker ist Landschaftsarchitekt. Und hat an der Charta für das Berliner Stadtgrün mitgearbeitet. Sie wurde in diesem Jahr verabschiedet und will erstmals alle Projekte zusammenführen, die sich irgendwie mit dem Berliner Stadtgrün beschäftigen - vom Grünflächenamt über alle, die mit Bauen und Wohnen zu tun haben bis zu Verkehrsplanern und der Wasserwirtschaft.

"Die einzige echte Flächenreserve, die wir in der Stadt noch haben für mehr Grün, sind die grauen Flächen. Das sind die Straßenräume, diese sind zu 95 Prozent asphaltiert."

Dächer begrünen, Fassaden bepflanzen, die Uferregionen attraktiver gestalten. Und endlich auch die Stadt "menschengerecht" umbauen. Weg von der Fokussierung auf das Auto. Das findet er wichtig für die Zukunft. Auch die Kleingärten natürlich - immerhin gibt es davon mehr als 70 000 in der Stadt und die Wartelisten sind lang.

Er kann sich für die Zukunft vorstellen, dass auch in den Kleingärten mehr gemeinschaftliche Nutzung möglich sein müßte, Stichwort „urban gardening“ oder dass ganze Parzellen von mehreren genutzt werden. Ich halte das für eine gute Idee, weil es ganz sicher die viel gescholtene "Kleingartenmentalität" aufbricht.

Ich schließe die Augen und geniesse den Herbsttag.

Wenn ich lange genug still da sitze und die Gedanken sich langsam entfernen, wird der Garten noch einmal ganz anders lebendig. Denn der Garten ist nicht nur ein Ort mit einer Hütte, mit Bäumen, Rasen und Blumenrabatten. Es ist auch ein Ort mit magischen Reizen. Wenn es dämmert, wird das besonders klar. Die alten Bäume werden dann lebendig, sie scheinen Geschichten erzählen zu wollen von dem, was sie hier alles erlebt haben. Von fröhlichen Festen im Garten, von dem Einsiedler, der hier fast ganzjährig lebte und die Hütte selbst erbaute nach dem Krieg. Wenn man die Augen schließt, bemerkt man bisweilen den freundlichen Geist des Ortes, der mich, wenn ich hier übernachte, gut schlafen läßt und mir irgendwie auch zu verstehen gibt, was mein und sein Garten braucht.

Rilkes Herbstgedicht begleitet mich schon den ganzen Corona-Sommer über, weil es eigentlich die soziale Distanzierung in diesen Zeiten so emphatisch wie treffend aufnimmt:



"Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.

Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,

wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben

und wird in den Alleen hin und her

unruhig wandern, wenn die Blätter treiben."

Jürgen-Gressel Hichert, rbbKultur