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- Unterwegs zur Langeweile

Je mehr Corona uns in die eigenen vier Wände zwingt, desto größer scheint sie zu werden: die Langeweile. Und in der Tat kann sie äußerst giftig, ja manchmal sogar tödlich enden, wenn man ihr erliegt. Dabei ist Langeweile eigentlich eine Gefühlsdroge, die man handhaben kann. Aber auch hier kommt es auf die Dosis an: für die einen wirkt sie Fantasie anregend, für andere ist sie der blanke Horror. Langeweile ist nicht ganz ohne. Aber bei allen Risiken und Nebenwirkungen - wir haben da was …

Freunde sagen kurzfristig Treffen ab, Veranstaltungen werden verschoben auf „nach Corona“ oder finden nur noch online statt, was am Anfang eine neue Erfahrung war, mich mittlerweile aber zunehmend nervt und … langweilt.

Ist sie leblos, ist sie gut, ist sie überhaupt da? Die Langweile.

Ich bin mir nicht sicher. In den letzten Wochen ist sie anders als beim ersten Shutdown immer mal wieder aufgetreten, wenn ich warten mußte, wenn Termine sich verzögerten, wenn Absagen kamen für etwas, das meine tägliche Routine unterbrach.

vor ein paar Tagen, bin ich in einer Servicehotline hängen geblieben. Eine Minute, drei, sieben Minuten. Ich wurde erst wütend, dann frustriert, traute mich aber nicht aufzulegen.

Wie in der Schule
Ich mußte an meine Schulzeit denken. Grundschule. Mit ihren Regeln, zum Beispiel der Vorschrift, so lange still sitzen zu bleiben bis auch der letzte seine Aufgaben erledigt hatte. Und wenn man selber schon nach einer viertel Stunde fertig war mit seinen Aufgaben, dann mußte man mindestens 20 Minuten warten. Und konnte nichts machen. Selbst malen durfte man nicht. Nur still dasitzen und warten - warten auf nichts. L a n g e w e i l e. Sinnlos gedehnte Zeit. So schien es mir damals. So schien es mir in der Warteschleife. Endlos. Wann komm ich ran?

Allein mit sich

Ist Langeweile notwendig?
Fällt jemand, dem öfter langweilig ist, schneller in Depressionen, weil er dieses Gefühl der Leere nicht aushält?

Mir fällt ein Zitat von Erwin Chargaff ein. Der Literaturwissenschaftler meint, es sei ja eigentlich alles noch viel schlimmer - mit der Langeweile. Er hält sie sogar für eine „fürchterliche Form der Einzelhaft“ und stellt fest: „Man ist allein mit dem Teufel, und was noch ärger ist, mit sich.“

Ich suche und finde etwas in einer alten Philosphievorlesung. zum Beispiel von Martin Heidegger. Er vergleicht die „tiefe Langeweile“ mit einem schweigenden Nebel, in dem sich letzte Wahrheiten offenbaren.

Und: Im Gipfel der Langeweile liesse sich immerhin der Sinn des Nichts erfahren. Behauptet der rumänische Philosoph Emil Cioran.

Langeweile - bloß nicht
Pandemiebedingt werden die Möglichkeiten, etwas zu erleben außerhalb der eigenen vier Wände eingeschränkt. Party-Machen ist nicht angesagt, Erlebnis Urlaub eingeschränkt, Veranstaltungen, Workshops, alles das, was unter anderem auch Zerstreuung bringt, fällt wieder zunehmend weg oder wird eher die Ausnahme denn die Regel. Man ist mehr mit sich beschäftigt, das aber ist in einer Gesellschaft, die Wert auf Unterhaltung und Action legt, schwierig. Es darf kein Gefühl von Langeweile aufkommen. Bloß nicht.

Ich empfinde das als fatal. Wir amüsieren uns zu Tode. Und wenn das nicht geht, dann langweilen wir uns zu Tode.

Einsamkeit
Eine befreundete Telefonseelsorgerin erzählt mir, dass gerade in den letzten Monaten vermehrt einsame Menschen angerufen hätten, die Hilfe brauchen, weil auch die wenigen bisherigen Kontakte - etwa auf der Arbeit oder bei Veranstaltungen weg gefallen sind.

"Homeoffice ist nicht für jeden toll. Oft sind Arbeitsplätze für einsame Menschen die letzten Kontaktmöglichkeiten.", erzählt sie und kann aus ihrer Sicht dem Thema Langeweile so gar nichts Positives abgewinnen.

Laut kirchlicher Telefonseelsorge-Statistik wird der Dienst der erfahrenen Zuhörer seit Beginn der Corona-Krise deutlich mehr in Anspruch genommen. 20 bis 30 Prozent mehr Anrufe. Tendenz steigend.

Risiken und Nebenwirkungen
Bei der Langeweile kommt es auf die Dosierung an. Sie gehört längst in die Hausapotheke der Kreativen, aber sie kann bei zu hoher Dosierung erst nervig, dann lähmend und schließlich tödlich sein. Also Vorsicht. Langeweile hat Risiken und Nebenwirkungen die noch nicht mal jeder Arzt und Apotheker kennt.

Und sie existiert wohl vor allem dann nicht als Problem, wenn ich mir die Freiheit zum Langsam werden nehmen kann und nicht ständig Freiheit und Freizeit verwechsle. Gar nicht so einfach. Oder?

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