Nachteule © Jürgen Gressel-Hichert
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Podcast von Jürgen Gressel-Hichert - unterwegs durch die Nacht

Die Nacht ist eigentlich zu schade, um sie zu verschlafen. Gerade wenn es ruhig wird, erwachen die Geister der Nacht. Aber Vorsicht! Manche dieser nächtlichen Begleiter haben es in sich. Sie zwingen dazu, sich mit sich selber zu beschäftigen. Nachts sieht man klarer. Auch wenn es dunkel ist. Oder gerade deswegen?

Oft hat die Nacht einen Zauber, der mich zum längeren Verweilen animiert. Allein. Für mich. Zum kreativen Arbeiten und Nachdenken. Aber kann man nachts überhaupt besser nachdenken und arbeiten? Ich bin keine Nachteule und - probiere es aus

"In der Wohnung ist es ruhig geworden. Die Nachbarn sind unhörbar. Ausgeflogen. Geräuschlos. Ich sitze für ein paar Minuten auf dem kühlen Balkon. Einige Fenster sind erleuchtet, meist in das bläulich flackernde Lagerfeuer der fernsehenden Nation getaucht.

Die S-Bahn pfeift mit schwachen Obertönen vom nahen Bahnhof. Ansonsten Ruhe.
Es wird herbstlich kalt. Blätter fallen regennass zu Boden und färben die Nacht. Ich lehne die Tür an und koche mir einen Ingwertee. Wenn ich ruhig sitze, höre ich in der Küche den Kühlschrank und irgendwo im Haus rauscht ganz leise die Wasserleitung.

Nachtgeräusche sind intensiver
Ich schalte das Radio an, höre Don Quijote und zeichne zwei kleine dunkle Punkte auf ein Blatt Papier. Aus den Punkten werden Pupillen. Aus den Kreisen Augen, aus den Aquarellstift-Strichen ein Nachtvogel.

Ich hole einen Haar-Pinsel und Wasser und vermische einzelne Farbfelder, lasse sie leuchten und erwecke den Vogel zum Leben.

Der Ingwertee ist lauwarm geworden. Der Honig klebt am Boden. Ich habe vergessen zu rühren. Ich trinke und gieße mit heißem Wasser auf. Schlieren tanzen im Glas. Die Ingwerscheiben sinken langsam zu Boden und schmecken beim zweiten Aufguss scharf.

Müde und gedankenversunken
Ich schaue mein erstes Nacht-Werk an und finde es gut. Es ist kurz nach Mitternacht. Erste Müdigkeitserscheinungen. Ich hole mir eine Jacke, setze mich wieder auf den Balkon. Ich bin allein hier draußen. Zwei Fenster sind mit schwachen Nachtlichtern erhellt, ansonsten leuchten die schönen alten Gaslaternen fast konkurrenzlos in der Straße.

Ein leichter Nieselregen. Nach ein paar Minuten ist es mir zu kalt und ich zieh mich wieder zurück an den Schreibtisch. Ich ergänze das Wort nachdenken mit einem T in der Mitte und spiele mit Nacht-Denken. Nachts kann man denken, aber kann man das Gedachte auch behalten oder zerfließt nach einer Nacht der großen Offenbarungen im Morgengrauen alles wieder ins Kleinklein des Tages. Kann man die Geister der Nacht einfangen und irgendwie zähmen?

Mein Nachtvogel gähnt und schüttelt sein Gefieder. Keine großen Gedanken. Man kann sie auch nachts nicht zwingen." (Ausschnitt aus dem Podcast Rasend langsam durch die Nacht)

JÜrgen Gressel-Hichert, rbbKultur

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