Jürgen Gressel-Hichert bei der Firma Edelmond in Zöllmersdorf © privat
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Podcast von Jürgen Gressel-Hichert - Unterwegs zur eigenen Schokolade

Schokolade kaufen kann jede und jeder. Selbst wirklich „gute Schokolade“ ist heute erschwinglich. Aber wie sieht das eigentlich mit dem Selbermachen aus? Ein Selbstversuch zeigt, was Mann alles falsch machen kann. Ein betreuter Selbstversuch ist da schon besser. Und schmeckt auch besser. Schade, dass man das nur hören kann.

Die süßeste Versuchung“ ist nicht nur "quadratisch, praktisch, gut", sondern sehr vielschichtig. Und sie hat mit Berlin mehr zu tun als mir auf den ersten Biss einfällt. Berlin ist eine Schokoladen-Metropole.

Ich treffe mich mit Tanja Dückers. Sie führt mich durch die süsse Geschichte der Stadt, die sie gerade für ein großes Buch-Projekt erforscht hat.

Erste Station - so etwa Mitte des 19. Jahrhunderts. "Damals war Schokolade in Berlin in erster Linie noch ein Apotheken-Produkt, ein Stärkungsmittel auch ein bisschen für die besseren Schichten." erzählt die Schriftstellerin, die zugleich eine Schokoladen-Liebhaberin ist. "Wobei man sich nicht täuschen soll: über hundert Jahre wurde Schokolade in Berlin in Apotheken verkauft, das letzte Mal ging so ein Theobromin-Riegel 1953 über die Theke."

Das Lustvolle an der Schokolade hatten zwar vorher schon die Schweizer entdeckt, es gab auch erste Schoko-Manufakturen in Dresden, Köln und Halle, aber in Berlin boomte es ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts so richtig. Es entstanden Firmen wie Rausch, Sawade oder Walther - um nur einige wenige zu nennen. Sie bauten in Berlin ihr süsses Imperium auf. Dutzende von anderen Konfiserien existierten, die man heute kaum noch kennt.

Andere - wie die Firma Sarotti - machten Berlin zur Schoko-Metropole. 1852 in Berlin gegründet, wurde sie eine echte Berliner Erfolgsgeschichte - mit schwäbischem Zungenschlag. Denn aus der ersten Firma, die in der Friedrichstraße saß, machte der Konditor und junge Unternehmer mit schwäbischen Wurzeln Hugo Hoffmann bald ein echtes Weltunternehmen. Expandierte zunächst in die Mohrenstraße, dann später in ein altes Fabrik-Gebäude in Kreuzberg. 1913 eröffnet er ein noch größeres Werk in der Tempelhofer Teilestraße.

1921 ist Sarottis "Deutsches Chocoladenhaus" die größte Schokoladenfabrik weltweit - und der sogenannte Sarotti-Mohr wird zum Werbeträger: "Bei der Erfindung des Sarotti-Mohren sind zwei Dinge zusammengekommen. Zum einen die damalige Vorstellungen von „People of Colour“ als servile Bedienstete. Und zum anderen ist die Firma Sarotti in der Mohrenstraße gegründet worden - und darauf bezieht man sich auch. () Der Sarotti-Mohr ist 1918 als Werbefigur aufgekommen und ist tatsächlich eine der bekanntesten Werbefiguren, die es gibt. Und es ist wirklich erschreckend, dass es bis zum Jahr 2004 gedauert hat, bis man diese Figur wirklich anders gestaltet hat. Die Figur heißt jetzt „Magier der Sinne“ und hat eine goldene Haut und wirft goldene Sterne in die Luft."

Lange gedauert hat es auch, bis die Geschichte der Firma in den 1930er und 1940er Jahren aufgearbeitet wurde. Nach einem Brand auf dem Firmengelände und der Weltwirtschaftskrise, übernimmt zunächst Nestlé. Sarotti wird zum Konzern. Im Zweiten Weltkrieg wird die Schokoladenproduktion gedrosselt, doch Sarotti schafft es als systemrelevant zu gelten - auch dank guter Kontakte zu den NS-Behörden

"Man weiß zum Beispiel bei Sarotti recht genau, dass polnische, tschechische und russische Zwangsarbeiter dort gearbeitet haben. 430 Menschen - die Zahl weiß man auch. Sarotti gilt allerdings nicht als ein Unternehmen, was die Zwangsarbeiter jetzt sehr schlecht behandelt hat. Ich meine, das Unrecht der Zwangsarbeit ist damit überhaupt nicht anzuzweifeln. Aber tatsächlich habe ich Dokumente gefunden, nach denen die Zwangsarbeiter da etwas besser als anderswo behandelt wurden."

Berliner Geschichte - ist auch eine Geschichte, die mit zartbitteren Bohnen zu tun hat. Und es gibt - im ersten Teil des Podcasts - jede Menge mehr zu erfahren.

Im zweiten Teil schaue ich mir an, wie in Brandenburg edle Schokoladen kreiert werden - und lasse Tanja Dückers literarisch mit Schokolade umgehen.

Jürgen Gressel-Hichert, rbbKultur

Literaturhinweis

Tanja Dückers: Schoki Doki © Bübül Verlag
Bübül Verlag

Tanja Dückers: Schoki Doki

Bübül Verlag, Berlin 2018
52 Seiten auf schönem Künstlerpapier
ISBN: 978-3-946807-29-2
14,00 Euro