Jürgen Gressel-Hichert © privat
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Podcast von Jürgen Gressel-Hichert - Unterwegs durch das Corona-Jahr

Ich habe mich am Anfang der Pandemie gefragt: Was kann so ein kleines Virus mit uns machen? Und ich stelle diese Frage auch wieder am Ende von 2020.

Manche Bilder aus diesem Jahr bleiben im Gedächtnis: Die Lastwagen, die Särge aus der italienischen Stadt Bergamo abholen. Ein Papst, der durch das menschenleere Rom pilgert, um an einer Pest-Statue zu beten, später dann Feiernde ohne Abstand und Anstand und die Hoffnung auf Impfstoffe, die alles wieder gut machen.

Zusammen mit Ute Frevert erinnere ich mich in meinem letzten Podcast des Jahres 2020 an dieses Jahr mit Corona. Ute Frevert ist Historikerin und Emotionsforscherin. Seit Januar 2008 ist sie Direktorin des Forschungsbereiches "Geschichte der Gefühle" am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.

Ihr spontan erinnertes erstes Bild dieses Jahres ist für sie ein eher Positives und sie erzählt über Menschen, die trotz Corona in Italien auf den Balkonen sassen und gemeinsam sangen und feierten - mit Abstand und Masken, aber gemeinsam.

Die Solidarität des ersten Shutdowns hat sie sehr gefreut, weil es ihr zeigte, dass es da einen großen Willen in der Bevölkerung gab, eine offensichtliche Spaltung in der Gesellschaft zu überwinden. Wir schaffen das - das war zwar diesmal nicht das erklärte Motto, aber es war doch eine Art Leitmotiv fürs unkomplizierte Helfen und Handeln. Angela Merkels Aussage und Aufforderung, dass die Krise "ernst sei, also nehmen Sie sie ernst!" war für sie auch der Hinweis, dass die Politik auf die Eigenverantwortung der Bürger*innen setzt - auch wenn nicht alle das recht verstanden.

Nach dem Sommer, in dem alle schon glaubten, "Hurra wir leben noch!" und wo kann man jetzt noch Urlaub machen, setzte dann schnell die zweite Welle ein. Und gegen Ende des Jahres haben wir dann die sehr widersprüchliche Situation, dass einerseits die ersten Impfstoff-Kandidaten Hoffnung machen auf eine Immunisierung, andererseits gehen die Fallzahlen so hoch, zum Teil mit exponentiellem Wachstum, dass nur ein harter Lockdown - für wahrscheinlich mehrere Wochen, wenn nicht Monate - das Infektionsgeschehen wieder einigermaßen "einfangen" konnte.

Ihre Befürchtung geht dann auch eher in die Richtung, dass die Impfbereitschaft möglicherweise nicht hoch genug ist, so dass wir mit dieser Krise vielleicht noch länger als nötig beschäftigt sein werden.

Außerdem erzählt Ute Frevert, was sie am meisten in den Zeiten des ersten Shutdown vermisst hat, was Krisen mit Beziehungen machen können und - vorsichtig - wie es jetzt weitergehen könnte.

Jürgen Gressel-Hichert, rbbKultur