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Kommentar von Steffen Jacobs - Lyrikkompetenz – wie bitte?

"Land der Dichter und Denker" – auf den Schriftsteller Johann Karl August Musäus geht diese weitbekannte Redewendung zurück. Deutschland ist aber auch ein Land der Vereine. 600.000 waren es 2017. Da wundert es nicht, dass es auch für die Dichtung eigene Klubs gibt. Gerade tagte das "Netzwerk Lyrik e.V." im Literaturhaus Halle und hat sich Gedanken über die "Kompetenz für Lyrik" in Deutschland gemacht.

Wer die Lyrik fördern will, kann auf mich zählen. Eigentlich. Aber wenn ich lese, was das "Netzwerk Lyrik e.V." im Sinn hat, bin ich geneigt, die Gefolgschaft zu verweigern. Mag sein, dass man dort die besten Absichten hegt, aber gut gemeint ist eben noch nicht gut gemacht. Und wie so oft ist die Sprache der beste Indikator dafür, dass etwas im Argen liegt.

"Grundsätzliche Prinzipien der Lyrikvermittlung" will man erarbeitet haben, so heißt es. "Lyrikvermittlung" – ein Wort wie Schmalz und Pappe. So dunkel lockend wie "Besoldungsgrad", "Steuerklasse", "Bereichsstellenleiter" und ähnliche Faszinosa. Warum nur werde ich den Verdacht nicht los, dass jemand, dem ein Wort wie dieses aus dem Mund purzelt, einen nur mäßig lustvollen Umgang mit der deutschen Sprache pflegt?

In der "Planungsabteilung Lyrikkoordination", pardon, beim "Netzwerk Lyrik e.V." wünscht man sich zudem, dass die Lyrik – Achtung, ich zitiere! – "mit zeitgemäßen wie publikumswirksamen Angeboten aufwarten kann".

Man scheint dort zutiefst von der Überzeugung durchdrungen zu sein, dass das Produzieren, Konsumieren und Vermitteln von Gedichten nichts als eine Frage der effizienten Planung und Durchführung sei. Zielgruppe definieren! Produkt entwickeln! Vertriebskanäle erschließen! Tschakka!

Dahinter steht wohl die Vorstellung, dass Gedichte ein Produkt wie jedes andere sind, irgendwo zwischen Schokoriegel und Gummistöpsel. Zwischen der Dichtung einer Mascha Kaléko und der Dichtung einer Waschmaschine besteht aus dieser Sicht vielleicht ein gradueller, aber kein fundamentaler Unterschied.

Kein Wunder also, dass man bei der jüngsten Tagung in Halle "konkrete Standards zur Qualitätssicherung" erstellen konnte. Ich gehe davon aus, dass die lyrische DIN-Normierung bereits weit gediehen ist. Aufgeblasene Hauptwörter gibt's gratis dazu: Diversität, Barrierearmut, Angemessenheit!

Darauf, dass Gedichte unangemessen, einseitig, krass und kompromisslos sein können – und gerade dadurch Schülern imponieren –, scheint man gar nicht erst gekommen zu sein. Das erschreckt mich umso mehr, als sich in diesem Verein durchaus einige angesehene und einflussreiche Menschen aus dem Literaturbetrieb engagieren.

Natürlich soll die Freude am Gedicht auch an der Schule und in Bibliotheken vermittelt werden. Dann aber doch bitte von begeisterten und begeisternden Lehrern und Bibliothekaren, statt von Sprachfunktionären und Lyrikapparatschiks. Die Poesie braucht keine deutschen Vereinsmeier, kein Marketinggeschwurbel und keine Parteitagsrhetorik. Um ein Wort von Wiglaf Droste zu variieren: Die Lyrik braucht Liebhaber!

Steffen Jacobs, rbbKultur

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