Unwort des Jahres Klimahysterie © Sven Simon
Bild: dpa / Sven Simon

Unwort des Jahres 2019 - "Klimahysterie"

"Klimahysterie“ heißt das Unwort des Jahres 2019. Das Unwort des Jahres ist nicht einfach ein Wort, sondern eine "sprachkritische Aktion". So jedenfalls sieht es eine eigenständige Jury, die sich einst von der Gesellschaft für deutsche Sprache abwandte. Seit 1991 gibt es nun das Unwort und es verblüfft, dass es außer in Österreich keine Nachahmer zu geben scheint.

Was würden wohl die Briten als Unwort des Jahres wählen? Brexit? Fände ich gut. Aber die Briten sollen ja völlig humorlos sein. Kleiner deutscher Scherz. In Österreich war man dagegen nicht sonderlich originell. "B‘soffene G’schicht" machte gerade das Rennen und wer die Anspielung auf den großkotzigen und reichlich trunkenen Rechtsnationalen Strache nicht verstanden hatte, bekam es im österreichischen Wort des Jahres erklärt. Das heißt: Ibiza. Ein Brüller.

Vielleicht scheuen andere Völker die Gefahr solcher Einfallslosigkeit und verzichten deshalb auf die Unwortsuche. Vielleicht hat man aber anderswo einfach nur den Eindruck, es wäre eine Verschwendung von Zeit und Lebensenergie, sich um ein Wort zu kümmern, dass schon morgen wieder vergessen sein wird. Oder kennen Sie noch das deutsche Unwort von 2018? "Antiabschiebeindustrie". Eine Erfindung vom großen Alexander Dobrindt gegen den funktionierenden Rechtsstaat. Mit "ausländerfrei" hatte es 1991 begonnen, dann kamen zum Beispiel "ethnische Säuberung", "Überfremdung", später "Wohlstandsmüll", "sozialverträgliches Frühableben", "National befreite Zone", "Betriebsratsverseucht", "Opfer-Abo", "Lügenpresse" oder auch "Volksverräter".

Nun halten manche die Wahl des Unwortes für so etwas wie das ultimative jährliche Wort eines Sprachgottes. In Wahrheit sind es vier Germanisten beiderlei Geschlechts und ein Journalist, die es mit ihrer Idee Jahr  für Jahr in die Medien schaffen. Nun also mit "Klimahysterie". Und da frage ich mich, ob andere Länder nur deshalb kein Unwort des Jahres kennen, weil die jeweilige Sprache so hässliche Wörter hervorzubringen nicht imstande ist. Vielleicht gibt es das Wortungetüm "sozialverträgliches Frühableben" auf Finnisch einfach nicht. Oder es herrscht Mangel an der Sache selbst.

Kann man sich "National befreite Zonen" in Portugal vorstellen? So etwas gab es dort nicht einmal unter den Faschisten Salazar und Caetano. Möglicherweise kennen die Franzosen nicht einmal Furcht vor Klimaveränderungen – wie sollte es da zur Klimahysterie kommen?

Die kommt bei uns allerdings auch nur selten vor. Dafür wimmelt es von selbstgerechten Besserwissern, die Naturwissenschaften für Blödsinn halten und Andersdenkende als Hysteriker beschimpfen. Solche Zeitgenossen sind wiederum kein deutsches Phänomen. Also sollte zumindest in der EU eine Unwortpflicht eingeführt werden. Wer nicht mitmachen will, muss das deutsche Unwort übernehmen. Das dürfte die Sache beschleunigen.

 

André Bochow, rbbKultur

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