Schriftsteller Christoph Meckel, aufgenommen im Neuen Rathaus in Hannover, 2016; © dpa/Julian Stratenschulte
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Ein Gespräch mit Salli Sallmann - Zum Tod des Schriftstellers und Grafikers Christoph Meckel

Der Dichter, Schriftsteller und Grafiker Christoph Meckel ist tot. Er starb am Mittwoch in Freiburg im Breisgau, er wurde 84 Jahre alt. Das teilte der Hanser Verlag am Donnerstag mit.

Christoph Meckel hat 1956 als 21-Jähriger mit einem Gedichtband debütiert, der hieß "Tarnkappe", und es folgten viele weitere Gedichtbände, z. B. "Nebelhörner", oder ein anderer unter dem Titel "In der Tinte", also lagen damals Meckels Schreiblüste und Prioritäten wahrscheinlich eher auf dem Gebiet von Gedichten. Titel wie "Tarnkappe" oder "Nebelhörner" lassen vermuten, dass der Dichter Meckel zuerst einmal lyrische Lust an Versteckspielen hatte, unter der Tarnkappe, mit Verkleidungen, Verstellungen, Auslegungen, Stochern im Nebel beschäftigt war. Das gehört ja alles zum ur-lyrischen Instrumentarium.

Erst später ist zu Christoph Meckel dann auch die Prosa dazugekommen. Aber was da dazukam, das hatte es eben auch in sich, zum Beispiel die Erzählung "Licht". Das ist die Geschichte eines Abschieds, der durch den Unfalltod der Geliebten unumkehrbar wird. Meckel erzählt eine Liebesgeschichte als eine poetische Verzauberung. Oder Meckels Roman "Bockshorn" über zwei vagabundierende Jugendliche, verfilmt übrigens von Frank Beyer bei der DEFA 1984. Meckel hat dann prosaisch nachgezogen und sein poetisches Erzählen in die Prosa zu übertragen vermocht.

Poet und Grafiker
Christoph Meckel hat immer von seinen zwei Hauptberufen gesprochen, die er stets als gleichberechtigt angesehen hat. Er hat sogar behauptet, der Dichter Meckel hätte einen anderen Lebenslauf als der Grafiker Meckel. Nun gibt es Stimmen, die meinen, der Grafiker Meckel sei der Sproß des Lyrikers Meckel. Aber wer das außerordentlich umfangreiche grafische Werk Meckels sieht, kann das auch bezweifeln. Meckel hat u.a. Brecht illustriert, Christa Reinig, oder Erich Arendt. Und als Grafiker war er oft das bunt malende, staunende, große Kind. Meckels grafisches Werk entfaltet sich um seine in Jahrzehnten entstandene "Weltkomödie", ein "Epos in Bildern", das Christoph Meckel als großartigen Grafiker und als Meister der Radierung ausweist.

Gebildeter Autor
Christoph Meckel ist immer ein gebildeter Autor genannt worden, und das war er sicher auch. Das spiegelt sich auch in den Textgegenständen. Wer ihn lesen möchte, sollte sich daher auch ein Stück Allgemeinbildung zutrauen oder ein Stück gesellschaftliches Urteilsvermögen, denn die Inhalte von Meckels Texten arbeiten natürlich mit den Spiegelungen seiner Zeit. Das klingt schlimmer als es ist. Vielmehr geht es um intellektuelles Selbstvertrauen, das Meckels Texte befördern.

Meckels Bildung wiederum besteht zum Beispiel im Reisen. Reisen bildet ja: Welterfahrenheit spricht für mich aus den Texten Meckels, seine Texte sind nicht etwa schwierig, diese alten Vor- und Nach-68er-Autoren konnten Komplexes noch sehr verstehbar darstellen. Christoph Meckel war natürlich auch ein Moralist. "Suchbild. Über meinen Vater", so nannte er ein Buch, in dem er den Vater-Sohn-Konflikt der Nachkriegsgeneration thematisierte. Die Auseinandersetzung mit seinen Eltern hat den Schriftsteller Meckel miterschaffen. 22 Jahre nach dem Vater setzte er sich in "Suchbild: meine Mutter (2002)" mit seiner Mutter auseinander.

Empfehlungen
Zu empfehlen sind Meckels Gedichte, hier der Band "Tarnkappe", und zwar nicht den Band von 1956, sondern die unter demselben Titel im Jahr 2015 herausgekommenen gesammelten Gedichte, erschienen bei Hanser. Dann zwei schöne Langgedichte, "Kein Anfang und kein Ende", auch bei Hanser. Die Erzählung "licht" gibt es als Taschenbuch, und wer will vielleicht etwas Besonderes sucht, dem sei "bildpost. 100 briefe und postkarten aus sechs jahrzehnten" empfohlen, die Meckel gezeichnet und gekritzelt und an Schriftstellerkollegen geschickt hat. Herausgegeben von Martina Hanf, Gutleut Verlag. Zum Meckel-Kennenlernen eignet sich das "Poesiealbum 288. Christoph Meckel" (Märkischer Verlag). Für den 27. April 2020 ist Meckels letztes Buch "Eine Tür aus Glas, ganz offen. Gesammelte Prosa" angekündigt (Hanser), an dessen Vorbereitung Meckel selbst noch intensiv mitgearbeitet hat.

Salli Sallmann, rbbKultur