Der Zweite Senat des Bundesverfassungsgericht erkündet das Urteil zum Sterbehilfe-Verbot © Uli Deck/dpa
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- Verfassungsgericht kippt Sterbehilfeverbot

Ein Kommentar von Ulrike Bieritz

Der Mensch hat das Recht und die Freiheit, sich das Leben zu nehmen und darf sich dabei von Dritten helfen lassen. Das ist der Kern des gestrigen Urteils des Bundesverfassungsgerichts. Damit wurde das seit 2015 bestehende Verbot geschäftlicher Sterbehilfe für nichtig erklärt.

Geklagt hatten Schwerkranke, Sterbehilfevereine, aber auch Ärzte und jetzt nun Recht bekommen. Aktive Sterbehilfe, also dass etwa ein Arzt einem Menschen auf Verlangen ein tödliches Medikament verabreicht, bleibt weiter verboten. Sterbehelfer jubeln, Kirchen, Ärztekammern, Teile der Politik sehen das Urteil mit großer Sorge.

Ein Kommentar von Ulrike Bieritz
Ich kenne Fritz aus dem Gartenverein. Er hat immer zu mir gesagt, wenn ich mal so krank bin, dass mir nicht mehr geholfen werden kann, dann nehme ich die Pille. Die hat er sich, ziemlich schnell nach der Diagnose Lungenkrebs, auf Wegen, die ich gar nicht wissen will, besorgt. Bekommen hätte er in Deutschland das Medikament nicht. Er wolle selbst über seinen Tod bestimmen, sagt er. Sich seine Freiheit, die ihm nun vom Bundesverfassungsgericht gerichtlich verbrieft wurde, nehmen. Die Freiheit, selbst über das Ende seines Lebens zu entscheiden. 


Ja, dieses Recht hat jede und jeder.  Und nun also auch mit der Hilfe Dritter. Der Grund ist letztlich egal, denn - so heißt es in der Begründung: selbstbestimmtes Sterben besteht in jeder Phase menschlicher Existenz. Damit gehen die Verfassungsrichter sehr weit in ihrer Definition.

Wie bei vielen ethischen Themen gibt es kein einfaches Ja oder Nein – richtig oder falsch. Deshalb hat es sich die Politik, als sie 2015 den nun gekippten Paragrafen beschloss, so schwer gemacht mit einer Entscheidung. Eine emotionale und bewegende Debatte geführt, um – und darum ging es vor fünf Jahren – die aus dem Boden schießenden Sterbehilfevereine einzudämmen.

Mit Krankheit und Verzweiflung, dem Leiden und Sterben sollte kein Geschäft gemacht werden dürfen. Das gilt heute wie damals. Jetzt muss sich der Gesetzgeber erneut mit dem Thema befassen.

Selbstmord keine Therapieoption
Das Urteil wird die Gesellschaft verändern – da bin ich sicher. Unterstützung bei der Selbsttötung kann zu einer Normalisierung des Suizids führen. Selbstmord ist aber nicht normal – es ist ein Gewaltakt gegen sich selbst und gegen das eigene Umfeld, das rat- und hilflos zurückbleibt. Und Selbstmord darf niemals eine Therapieoption sein, wie die Niederlande zeigen, wo aktive Sterbehilfe seit 2001 erlaubt ist und die Zahlen seitdem in die Höhe gehen.

Leben ist ein hohes Gut
Gerade ältere Menschen wollen niemandem zu Last fallen. In einer immer älter werdenden Gesellschaft, in der Vereinsamung zunimmt, in der es im Gesundheitsbereich vor allem auch ums Sparen und Optimieren geht, besteht durchaus die Gefahr, dass der Druck zunimmt, das eigene Leben zu beenden. Das verändert unser Miteinander. Ich erinnere nur an die Diskussion darüber, alten Menschen keine neuen Hüftgelenke mehr einzusetzen – aus Kostengründen, lohne sich nicht.

Leben ist ein hohes Gut und gehört geschützt – bis zur allerletzten Minute – in Gesundheit und in Krankheit. Der Umgang mit Krankheit und Tod sagt viel über unsere Gesellschaft aus. 

Deshalb muss die Hospiz- und Palliativversorgung weiter ausgebaut werden, damit Menschen nicht leiden müssen. Damit am Ende des Lebens jemand da ist, der die Hand hält, die Schmerzen lindert. Das ist natürlich teurer als das Medikament, dass dem Leben ein schnelles Ende setzt.

Fritz übrigens hat die Pille nicht genommen. Er wollte jeden Tag mit seiner Frau erleben und ist im Hospiz – in ihren Armen – gestorben.

Ulrike Bieritz, rbbKultur