Jürgen Gressel-Hichert; © Privat
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Miteinander, mehr oder weniger - Corona: Einfach nix tun?

Wie wir uns transformieren müssen. Auf Abstand gehen, Homeoffice machen und zu Hause bleiben – reicht das? Jürgen Gressel-Hichert meint: Nein. Wir müssen einen anderen Umgang mit uns und untereinander einüben. Sonst ist nicht nur das Virus virulent.

Wenn es nicht einen – weltweit betrachtet - so ernsthaften Hintergrund hätte, könnte man richtig ins Schmunzeln geraten. Da verbreitet sich so ein kleines, gut aussehendes Virus mit großer Geschwindigkeit über die globalisierte Welt und wir müssen nicht nur neue – und eigentlich ganz alte – Hygienevorschriften beachten, sondern uns plötzlich sogar besinnen auf uns selbst.
Geh aus mein Herz und suche Freud. Das war gestern. Einfach nix tun und uns zuhause einschließen. Auch keine Lösung, vor allem keine, wenn das mit dem Virus länger dauert, wovon man ausgehen muss.

Ja. Wir müssen auf Distanz gehen zum Nächsten, aber – auch Ja – wir müssen ihn trotzdem im Blick behalten. Was sogar mit drei Metern Abstand besser gelingt als mit Küsschen links und Küsschen rechts. Und bitte Nein. Wir werden nicht zu einer Gesellschaft, die sich aus lauter Angst aus dem Weg geht. Aber wir werden vielleicht nach und in dieser Corona-Einkehr-Zeit auch wieder ein paar Werte entdeckt haben, die zu leben sich lohnen – alleine oder im kleineren intensiveren Miteinander. Das sagen, hoffen, erwarten zumindest einige nachdenkliche Zeitgenossen. Entschleunigen, verzichten. Juchhu, wir werden tugendhaft.

Und hier beginnt mein Schmunzeln. Vor ein paar Monaten – Corona war noch ein chinesisches Provinz-Problem, erzählte mir eine Kollegin von Jomo – the Joy of missing out. Die Freude, auch mal etwas auszulassen. Einen Termin. Eine Verpflichtung. Eine Party. Der Trend käme aus den USA und reihe sich dort in eine Reihe anderer Entwicklungen ein: Stichwort Einfach leben. Oder anders formuliert: Eine Gesellschaft, die grenzenlos geworden ist, sucht nach neuen oder ihren Konturen. Und vermag sie ausgerechnet in der Selbstbeschränkung zu finden?

Jomo – ein Luxus-Ding? Ich hab damals nicht so intensiv daran geglaubt. Jetzt aber sehe ich zwei Entwicklungen in meiner unmittelbaren Nachbarschaft, bei Freunden und Verwandten. Die erzwungene Selbstbeschränkung bewirkt bei den einen so etwas wie Erleichterung: Termine fallen weg. Treffen werden reduziert. Man hat wieder die wichtigste Ressource der Menschheit: Man hat Zeit. Bei anderen bricht die schiere Verzweiflung aus: Die Kinder müssen beschult und beschäftigt werden, es drohen Verdienstausfall oder sogar das Ende der bisherigen Gewissheiten in Beruf und Privatleben. Es verschärfen sich vorhandene Gegensätze.  

Können beide Gruppen miteinander und voneinander lernen. Ich meine, sie müssen es in dieser Situation. Denn die gute alte Solidarität entsteht nicht durch das Umarmen der Gegensätze, sondern genau dadurch, dass man zu sich und den anderen auf Distanz geht und genau beobachtet. Ruhig werden. Das Eigentlich-nix-tun-können zulassen und vorsichtig fragen: Kann ich die Krise auch als Möglichkeit zur Veränderung sehen? Und aktiv werden: Kann ich dem Nachbarn helfen bei Kinderbetreuung, Einkauf oder mal mit ihm telefonieren?

Das sind – zugegeben – nur kleine Dinge, aber sie können viel verändern, damit so ein kleines Virus nicht zu viel anrichtet. Oder uns sogar daran erinnert, dass Verzicht bisweilen sogar Spass macht.

Jürgen Gressel-Hichert, rbbKultur

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