Trampolin im Hinterhof; © Natascha Freundel
Bild: Natascha Freundel

- Über Gefährder

"Jetzt sind wir alle Gefährder". Dieser Satz geht unserer Kolumnistin Natascha Freundel nicht aus dem Kopf. Beim Einkaufen mit ihren Kindern hat sie erlebt, wie Menschen miteinander umgehen, die einander als "Gefährder" wahrnehmen.

Wir haben es gewagt. Wir sind einkaufen gegangen, die Kinder und ich. Offiziell sollte die Schule erst am Dienstag schließen, zugleich wurden die Eltern gebeten, die Schule schon am Montag zu meiden. Also starteten wir die Woche mit Homeoffice, Home Schooling und, es musste ja bald ein Mittagessen auf den Tisch, Einkaufen. Maultaschen, Milch, Mehl. Je eine Packung, mehr wollten wir nicht.

"Wie können Sie Ihre Kinder herbringen, hier ist doch alles voller Corona", brummte mir eine Verkäuferin zu, die gerade die Regale mit Konservendosen auffüllte. Hier dürfe man nicht Roller fahren, grollte eine ältere Dame, die an ihren Einkaufswagen gekettet schien und kein Stück für das Kind Platz machte, das den schnellsten Weg nach draußen suchte. Das andere Kind war schon geflüchtet und wurde, während es auf der Straße wartete, von einer Frau angesprochen, die irgendwas von "hier wird verkauft" und "nichts für Kinder" gesagt haben soll. Es sollte ein leichter Tag werden, ein leichter Start in eine ungewisse, kaugummizähe Auszeit, und nun war es "der blödste Tag ever".

Böse Blicke
Wir waren Menschen begegnet, die wie die Radikalsten vom Schwarzen Block maskiert waren: Schal vorm Mund, Mütze tief im Gesicht, Sonnenbrille vor den Augen. Wir hörten, wie Passanten anderen Fußgängern zuriefen: "Einen Meter Abstand!" Wir sahen prüfende, misstrauische, böse Blicke. "Warum sind die Leute alle so komisch, Mama? Und warum bist du so komisch?", fragten die Kinder.

Ich war ja auch nervös, empfindlich. Plötzlich ist alles wie es war und doch ganz anders. "Jetzt sind wir alle Gefährder", dieser Satz einer Kollegin hallt seit Tagen in mir nach. Ich weigere mich, die Leute, die uns kein Mehl im Supermarkt übriggelassen haben, als Gesundheitsgefährder einzustufen, höchstens als Gefährder des Kuchens, den wir am Nachmittag backen wollten. Und als Gefährder einer zivilisatorischen Errungenschaft: des Humors.

Lachen in Zeiten von Corona?
Aber ja! Ist es nicht komisch, wie Kulturbetriebsleute, die sich so gern feste drücken, jetzt bei jeder Begrüßung Verrenkungen machen? Wie die Apothekerin hinter der Scheibe den vermummten Kunden bittet, den Schal vom Mund zu nehmen, damit sie ihn hören kann? Oder dass ausgerechnet Klopapier eine offenbar überlebensnotwendige Sache ist, die es zu horten gilt, vielleicht weil einfach immer weniger Zeitungen gedruckt werden?

"Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen." 400 Jahre alt ist der Satz von Blaise Pascal und aktueller denn je. Auch in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten werden wir nicht lernen – da wette ich auch für die Kinder –, uns auf die eigenen vier Wände zu beschränken. Wir sind an diesem Tag noch einmal rausgegangen, nach dem Mittagessen mit den Maultaschen, und haben ein Trampolin für den Hinterhof gekauft. Wie gut, dass es die Berliner Hinterhöfe gibt! Inzwischen wissen es alle Nachbarn: Du darfst auch hüpfen, haben die Kinder ihnen zugerufen.

Wir gefährden die Mittagsruhe, zugegeben. Aber nicht die Gesundheit: Auf dem Ding kann immer nur einer hüpfen, ob klein oder groß. Hauptsache, hoch hinauf. Ist fast so schön wie Fliegen.

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