Heide Oestreich; © Privat
Bild: Privat

Miteinander, mehr oder weniger - Vom Siegen und vom Aushalten

Mit jeder neuen Corona-Nachricht verdichtet sich das mulmige Gefühl mehr und mehr zu etwas Depressivem, findet Heide Oestreich. Was können wir aushalten ohne in die Regression zu rutschen?

Sind Sie auch so durcheinander? An wie viele Menschen muss man gleichzeitig denken, in diesen Tagen: Kinder, die zu Hause Amok laufen, die depressive Tante im Heim, für die es eine Katastrophe ist, dass sie nicht mehr besucht werden darf. Die alten Eltern und der Freund, der mitten in der Chemotherapie steckt: Hochrisikogruppe! Und täglich ändert sich alles wieder.

Draußen auf der Straße sammeln sich abends biertrinkende Jugendliche, die offenbar genießen, dass sie jetzt der ganzen Welt Schaden zufügen können, einfach nur durchs da sein. Sie begehen jetzt indirekt Morde, ungestraft, schießt mir durch den Kopf – mitsamt den zugehörigen Strafphantasien. Ich fürchte, ich bekomme eine Corona-Depression.

Was halten wir aus?
Ohne zurückzufallen in eine freudsche Regression, in der Schwarzweiß-Denken regiert: wir oder die, stark oder schwach, Sieg oder Niederlage?

Die WirtschaftsWoche hat es schon erwischt. Sie wünscht sich den starken Papa zurück, der alles weiß. Angeblich war das Helmut Schmidt. Die Deutschen, so heißt es, bräuchten jetzt "einen Welterklärer, der den Deutschen den Weg weist, sie führend beruhigt und beruhigend führt". Der weise Führer. Natürlich ein Mann. Manches Geschlechterklischee, das nach der MeToo-Debatte aufgebrochen schien, kehrt in solchen Zeiten der Verunsicherung wieder zurück.

Wir werden das Virus besiegen
Und auch ein anderes Zeichen der Krisenregression ist zurück: Die Kriegsmetaphorik. "Wir werden das Virus besiegen", höre ich unseren Bundespräsidenten tönen. Dabei wissen wir doch alle: Man kann hier nichts besiegen. Nur irgendwie halbwegs glimpflich durchkommen. 

Das Virus macht die Gesellschaft wieder viril, männlich. Sogar der Virologe scheint ausschließlich ein Männerberuf zu sein. In den Krankenhäusern schuften derweil namenlose Pflegerinnen, zu Hause bändigen die Mamas die Kinder und versuchen nebenbei noch, ihr Homeoffice auf die Reihe zu kriegen. Und aus Gebieten mit Ausgangssperre meldet die Polizei die Verdoppelung der häuslichen Gewalt – gegen Frauen.

Wir schaffen das
Fallen wir zurück? Oder sind wir stabil? Können wir neben den starken Männern auch die starken Frauen sehen? Angela Merkel als eine Art innere Mutterphantasie nehmen, statt nur den inneren Vater zu suchen? Ihr "Wir schaffen das" neben die Siegesmetaphern stellen? Die Leistungen der Pflegenden und Sorgenden, vieler, vieler Frauen, jetzt so wichtig nehmen, dass sie in Zukunft besser bezahlt werden und solche Krisen mit verhindern können?

Und dann: Gelassen bleiben gegenüber den Jugendlichen vor der Tür. Weil wir das Virus eben nicht besiegen und Menschen nicht total kontrollieren können. Verlangsamen können wir es und dabei vielleicht doch auch eine kleine Corona-Depression aushalten.

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Kommentarfunktion zum Kommentieren von Beiträgen.

Kolumne