Frau am Fenster; © Tomas Fitzel
Bild: Tomas Fitzel

Miteinander, mehr oder weniger - Senioren in Selbstquarantäne?

Berlinerinnen und Berliner über 70 wurden jetzt von der Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci gebeten, ihre Wohnung nicht mehr zu verlassen. Unser Autor Tomas Fitzel findet diese Empfehlung fragwürdig.

In unserer alten Gegend wäre eine Quarantäne für Menschen ab Siebzig gar nicht aufgefallen, denn in Berlins angesagtem Ausgehviertel sieht man hauptsächlich nur eine Altersgruppe, meist mit einer Flasche Bier in der Hand und der Haltung, was schert uns das Morgen, wenn wir heute feiern können. Sicher wohnen da auch ältere Menschen, sie sind nur nicht auf der Straße. In unserem Haus wohnte eine alte Frau, die hundert wurde. Wir haben sie in 20 Jahren nicht ein einziges Mal gesehen.

Krisen-Erfahrung
Mit unserem Umzug änderte sich unser Blick. Wir wohnen jetzt, wahrscheinlich spießig von unserer alten Nachbarschaft aus gesehen, eben ganz halt ganz normal und ruhig. Das erste, was uns auffiel, waren die vielen alten Menschen auf der Straße und im Supermarkt. Unsere neue Nachbarin hat die Bombardierung Berlins, das aus der echten Not geborene Hamstern, die Berlin-Blockade und den Mauerbau mitgemacht. Welche Krise sollte sie da noch aus der Ruhe bringen? Vorgesorgt hat sie immer. Sie muss gar nicht raus. Sie weiß, dass genügend Nachbarn für sie einkaufen würden. Sie sorgt sich viel mehr um uns, als um sich selbst. Neulich klemmte an der Zeitungsbeilage, die sie uns am Wochenende nach der eigenen Lektüre überlässt, ein Desinfektionstüchlein. Nicht, dass wir uns womöglich bei ihr anstecken.

Eulen nach Athen
Dabei ist es doch umgekehrt. Wir müssen doch alles tun, dass sie, die älteren Menschen, sich nicht anstecken, denn für sie wird es sehr schnell lebensgefährlich. Es waren ja auch keine Rentner, die bis zum Schluss Party machten oder auch jetzt noch lauthals Corona, Corona grölend durch die Gegend fahren, als sei dies alles ein großer Spaß. Die Aufforderung jetzt an sie, sich selbst in freiwillige Quarantäne zu begeben, kann man getrost Eulen nach Athen tragen nennen, denn sie wissen doch, was sie riskieren, wenn sie noch auf die Straße gehen. Es sorgt auch nicht für mehr Vertrauen, wenn täglich Empfehlungen und Anweisungen geändert werden.

Selbstverantwortung zutrauen
Vor allem, was ist mit all den alten Menschen, die keiner sieht. Um die sich keiner kümmert. Die allein leben. Wer aus dieser Risikogruppe jetzt auf die Straße geht, tut es sicher, weil er oder sie es muss und nicht just for fun. Ein bisschen mehr Selbstverantwortung darf man ihnen schon zutrauen, sie haben im Krisenüberstehen viel mehr Erfahrung. Berlin ist hip, weil Berlin jung ist – aber das stimmt eben nur zum Teil. Vielleicht wird sich auch das Verhältnis der Generationen nach der Corona-Krise ändern, vielleicht kann da ein neues Miteinander wachsen, ganz konkret dort, wo wir wohnen, ganz egal wo.

Tomas Fitzel, rbbKultur

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