Wecker und Buch "May You Live In Interesting Times" im Regal ; © Silke Hennig
Bild: Silke Hennig

Miteinander, mehr oder weniger - Fragen zur Zeit

Corona-Zeiten sind keine vollkommen neue Ära, aber doch Zeiten, in denen die Zeit neue Dimensionen bekommt. Das jedenfalls meint unsere Autorin Silke Hennig, die über die Möglichkeiten nachgedacht hat, die diese Zeit plötzlich bietet. Und über die Schwierigkeiten, diese zu ergreifen …

Anfang der Woche rief mich meine Augenärztin an. Das gab's noch nie. Normalerweise – natürlich – bin ich es, die anruft und anruft und anruft, denn das Telefon ihrer Praxis ist entweder besetzt oder die Sprechstundenhilfen haben zu viel zu tun, um an den Apparat zu gehen. Da braucht es Hartnäckigkeit und Zeit. Aber nun fragt die Ärztin mich, ob der Untersuchungstermin, den ich aus anderen Termingründen immer wieder verschoben habe, jetzt doch mal stattfinden kann?

Zeit für Lücken
Viele haben jetzt sehr viel mehr Zeit als sonst, manche mehr als ihnen lieb ist. Andere stehen dafür erst recht unter Zeitdruck: Die Politiker, die Krisenmanager, die Menschen, die die leer geräumten Regale in den Supermärkten wieder auffüllen. Auch jetzt, immer noch, spielt Zeit eine zentrale Rolle in unserem Leben. "Wie lange können, wie lange müssen wir diese Ausnahmesituation aushalten?", lautet die Frage, die gerade über allem schwebt. Es ist also keine ganz verkehrte Welt, in die uns die Corona-Pandemie katapultiert hat, sondern eine, in der nur vieles ver-rückt ist, so dass plötzlich über Zeit verfügt, wer sonst dauernd zu tun hat – wie meine Augenärztin.

Zeit für Listen
Und ich? Lege mir im Geiste lange Listen von Dingen zurecht, die ewig schon auf Erledigung warten: Jetzt endlich mal die Kartons mit den Familienfotos durchsehen, aussortieren, wilden Bücherstapeln eine ordentliche Heimat im Regal verschaffen, die neue Lampe anbringen, Freunde anrufen, die schon lange nichts mehr von mir gehört haben – kurz: Ich will die Corona-induzierte Zwangszeit zu Hause nutzen. Schön ökonomisch gedacht! Und sicher nicht verkehrt – aufräumen, wegstapeln, mal bescheidene Vorhaben anpacken, die sich zum Teil seit Jahren nicht durchsetzen konnten gegen alles, was sonst immer nach schneller Erledigung drängelt.

Zeit für Langeweile
Die noch größere Chance in dieser Lage aber wäre, ein anderes Muster auszuprobieren, neuen Ideen Raum zu geben. Und dafür ist ein Mittel unschlagbar: Langeweile. Fragen Sie mal kreative Menschen: Wann entsteht etwas Neues? Natürlich aus der Beschäftigung mit einem Thema. Aber ein anderer Gedanke, die neue Idee schält sich nicht auf Bestellung aus den Falten des Alten, sondern schlüpft dann herein, wenn keiner hinschaut, ist plötzlich da – in einem Moment nichtsnutzigen Herumplämperns. Klingt läppisch und leicht? Nein, das muss man erst mal aushalten können. Und wenn dann die Augenärztin anruft ... ist so ein Moment im Zweifel wieder passé.

Silke Hennig, rbbKultur

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1 Kommentar

  1. 1.

    Ein Zuviel an Zeit ist eigentlich nicht mein Problem ...

Kolumne