Laptop mit offener Skype-Konferenz; © Imke Schridde
Bild: Imke Schridde

Miteinander, mehr oder weniger - Digitale Wärme

In unserer Reihe "Miteinander, mehr oder weniger" blicken Kolleg*innen von rbbkultur auf ihren derzeitigen Alltag: Imke Schridde hat sich damit auseinandergesetzt, wie auf digitalem Weg ein soziales Miteinander entstehen kann, eine Art digitaler Wärme – via Skype, WhatsApp, Telegram, Twitter und Co. – in doch sehr distanzierten Zeiten.

Während ich das hier schreibe, hat mein Sohn gerade Schlagzeugunterricht via Skype. Eine win-win-Situation für diesen Moment: Der Musiklehrer bekommt als freier Schlagzeuger weiterhin zumindest einen kleinen Teil seines Gehalts, und ich habe noch ein bisschen Zeit, mich um meinen Job zu kümmern – ohne gestört zu werden. Vor dem Skype-Unterricht haben wir mit dem Lehrer noch geplaudert. Und das war – trotz Technik – nein, sogar wegen der besonderen technischen Situation, mit den Gesichtern groß auf dem Bildschirm, irgendwie vertrauter als sonst in dem anonymen Übungsraum bei uns um die Ecke.

Kein Smalltalk
Es ist erstaunlich: Die sonst oft als kälter, weil eigentlich anonymer empfundene digitale Kommunikation wirkt plötzlich warm und direkt. Und das, obwohl hier jetzt sofort die harten Themen auf den Tisch kommen. Alles wird schon ab der ersten Minute angesprochen: Die Gesundheit der Großeltern oder Eltern, die Versorgung der kranken Nachbarin, die Situation auf Lesbos, die Einkommensausfälle, das koreanische Restaurant um die Ecke, das den Shutdown womöglich nicht überlebt … Es wird nicht lange gesmalltalkt – wie sonst gern am Telefon oder an der Straßenecke. Direkt und aufrichtig berichtet derzeit jede und jeder über das, was sie oder ihn bewegt, über Video per Skype oder Zoom. Im Chat über WhatsApp oder Telegram.

Plötzliche Nähe
Apropos Telegram: Hier haben sich solidarische Nachbarschaftsgruppen gebildet zur gegenseitigen Unterstützung. Und auch via YouTube und Twitter bauen wir Nähe auf: Die Alba-Kinder- und Jugendtrainer kommen für die YouTube-Sportstunde zu uns ins Wohnzimmer. Und wir schauen mithilfe gestreamter Hauskonzerte und Lesungen in die Wohnzimmer anderer; kennen das Bild neben Igor Levits Flügel zu Hause, mit jener pinken Gladiole von Hannes Malte Mahlers. Entdecken, dass Kirsten Boie ihre Bücher zu Hause ähnlich herumliegen hat wie wir in den Kinderzimmern. Und die Kollegen meines Mannes kennen nun unser Schlafzimmer: Da es – neben dem Bad – der einzige Raum unserer Wohnung ist, in dem man die Tür wirklich schließen kann, hat er seine Skype-Konferenzen jetzt eben aufs Bett verlegt …

Digitales Lagerfeuer
Mit einem Freundinnenkreis haben wir fürs Wochenende ein Zoom-Café eingerichtet, wir, die wir uns zusammen sonst nur einmal im Jahr treffen, sehen uns jetzt vielleicht häufiger – digital. Und gerade, dass es manchmal pixelt oder knarzt, dass jemand plötzlich aus der Leitung fliegt oder – weil ja nicht analog – anstatt in die Armbeuge direkt in den Hörer hustet – all das macht das ganze auch im Kreis von Arbeitskollegen oft ungezwungener und vertrauter.

Skype sei Dank
Skype, WhatsApp und Co. – gut, dass es euch gibt! Dass ihr in diesen Tagen oft eine Art wärmendes Lagerfeuer seid. Und das eben nicht nur für jene mit Familie am anderen Ende der Welt. Gut, dass wir ganz schnell und in Gruppen mit ganz vielen Menschen in Kontakt treten können und – trotz Kontaktverbot von Schriftsteller*innen vorgelesen bekommen, in Gruppen zusammen Musik hören, Sport machen und über alle wichtigen Themen und Gefühle reden können – sogar vis à vis.

Auch wenn ich mich schon wieder wahnsinnig freue auf das analoge Treffen mit Freundinnen und Freunden, Kolleginnen, Kollegen und Eltern, auf den direkten, unmittelbaren Austausch: Ich hoffe, dass wir aus dieser Extremsituation und den vielen digitalen Kommunikationsmomenten etwas mitnehmen in die Zeit nach dem Ausnahmezustand. Eine Direktheit, die offene Anteilnahme zeigt. Nachsicht, Solidarität, mehr Austausch und – Achtung Pathos – gelebte Nächstenliebe.

Imke Schridde, rbbKultur

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