Auf dem Boden bleiben: Do-it-yourself-Verlegearbeiten im Hause Fitzel; © Tomas Fitzel
Bild: Tomas Fitzel

Miteinander, mehr oder weniger - Auf dem Boden bleiben

Viele gehen jeden Tag weiterhin zur Arbeit wie zuvor, viele sitzen aber auch zuhause. Und wenn sie nicht gerade Homeoffice oder Homeschooling machen, versuchen alle irgendwie die Zeit rumzukriegen. Die Sonne scheint, schönstes Frühlingswetter, es könnte alles herrlich sein. Und alles ist doch noch immer normal. Keine Bilder wie Spanien oder Italien. Wir warten alle ab. Auch unser Autor Tomas Fitzel.

Die Baumärkte haben weiterhin geöffnet. Das ist gut so. Mit den Händen arbeiten lenkt ab. Einen ganzen Tag nichts gedacht, außer: Wie werden die Dielenbretter richtig verlegt? Learning by doing. Ein unglaublich befriedigendes Gefühl. Wenn es klappt. Noch ist der Fußboden nicht fertig und der Ellenbogen schmerzt. Vermutlich vom Hämmern.

Kerle
Im Baumarkt trägt außer mir niemand einen Mundschutz. Ein Baumarkt vor allem für Profis, die dort einkaufen. Echte Kerle. Ihr Blick sagt alles: Memme. Weichei. Hysterischer Spinner. Sie halten sich auch sonst nur selten an Arbeitsschutzrichtlinien. Unfälle passieren nur Anfängern. Wäre es wenigstens eine ordentlich verdreckte Staubmaske und nicht so eine schneeweiße spitze Filtertüte.

Die Security-Mitarbeiter, die angeheuert wurden, um zu verhindern, dass zu viele Kunden gleichzeitig den Baumarkt betreten, feixen und schießen Selfies Arm in Arm. Als sie bemerken, dass sie beobachtet werden, springen sie mit gespieltem Erschrecken auseinander und grinsen. Ihr nehmt es nicht ernst, sage ich. Was soll ich denn ernst nehmen, sagt der Größte von ihnen, meine Kinder haben Panik, meine Frau hat Panik, mein Arbeitgeber macht Stress, aber ich kenne niemanden, der Corona hat. In den Krankenhäusern ist auch niemand mit Corona. Das ist zwar nachweislich falsch, aber noch herrscht tatsächlich kein Notzustand.

Fake
Dazu zeigt er auf seinem Smartphone ein Video, in dem ein Professor Matteo Bassetti aus Genua sagt, es gäbe in Italien keine Corona-Toten. Fake sage ich und radele davon. Wie soll man darüber vernünftig diskutieren? Das journalistische Recherche-Portal Correctiv berichtet über genau dieses Video. Matteo Bassetti ist wirklich Direktor einer Klinik in Genua. Doch das Video wurde schon im Februar erstellt, aber erst Mitte März in Deutschland hochgeladen und mit Untertiteln versehen und seither von Hundertausenden gesehen, die dies für die Gegenwart halten.

loose-loose
Eigentlich ist dieser Security-Mann, den ich gern strunzdumm nennen würde, mir gar nicht so fern. Grundsätzlich zweifeln und nur glauben, was man auch belegen kann. Wie der Jünger Thomas, der erst glaubt, als er Jesus in die blutige Wunde greifen kann. Warten auf den Sturm als loose-loose Situation. Bis zuletzt klammert man sich an die irrationale Hoffnung, dass auch wenn der gesamte Globus davon erfasst würde, doch die eigene kleine Welt davon verschont bliebe.

Sollte der Sturm eher milde bleiben, dann wird sich sofort ein nagender Zweifel breitmachen. Lag es dann an den klugen Vorkehrungen oder war nicht doch alles übertrieben und der dadurch erzeugte Schaden unverhältnismäßig hoch? Sollten umgekehrt trotz all der Maßnahmen gleiche Verhältnisse wie in Italien und Spanien eintreten, auch dann wird Zweifel entstehen. Wie will man es hinterher belegen? Das geschah weil. Noch nie wurde so viel Vertrauen abgefordert. Also besser weiter den Fußboden verlegen. Der stechende Schmerz im Ellenbogen wird sich auch erst wieder in der Nacht bemerkbar machen.

Tomas Fitzel, rbbKultur

PS: Den Artikel von Correctiv über dieses Video ließ ich den Security-Leuten inzwischen zukommen.

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