Screenshot der Scrabble-App: am Ende des Spiels waren noch diese Steine übrig: C-O-R-O-N-A-Q; © Christian Schruff
Bild: Christian Schruff

Miteinander, mehr oder weniger - Keine Reisen zu den Lieben

Fast zwei Wochen schon währt das Kontaktverbot. Nur noch zu zweit darf man sich im öffentlichen Raum bewegen mit gebührendem Abstand – anderthalb Meter. Nähe und Distanz erlebt unser Musikredakteur Christian Schruff zurzeit aber noch ganz anders. Er führt eine Fernehe zwischen Dänemark und Deutschland. "Keine Reisen zu den Lieben" heißt seine Kolumne in unserer Reihe "Miteinander, mehr oder weniger".

Dem Schöpfer der "Peanuts", Charles M. Schulz, wird der Satz zugeschrieben "Absence makes the heart grow fonder" – auf Deutsch etwa: "Abwesenheit lässt das Herz höherschlagen". Abwesenheit der Lieben, Abwesenheit von den Lieben – dieses Gefühl erleben derzeit fast alle. Doch wenigstens hat man die nächsten Angehörigen bei sich in der Quarantäne oder bleibt gemeinsam mit ihnen zuhause.

Mein Partner arbeitet in Kopenhagen. Wir leben also unsere Alltage getrennt in Berlin und Kopenhagen und verbringen die Wochenenden gemeinsam mal hier, mal dort. Nicht ungewöhnlich für Fernbeziehungen. Kopenhagen ist nicht weit, von Haus zu Haus braucht man drei Stunden, wenn man das Flugzeug nimmt.

Aber nun sind wir getrennt. Getrennt durch eine geschlossene Grenze. Es gibt keine Flüge mehr. Und für den schönen Radweg Berlin-Kopenhagen müsste man eine knappe Woche ansetzen und ich würde schon an der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern nicht mehr durchgelassen. Wann diese Trennung aufgehoben wird, ist nicht absehbar.

Per "Thumb-Kiss" Gefühle äußern
Getrennt sein, damit sind wir vertraut, damit können wir umgehen. Zehn Jahre lang haben wir in Singapur und Berlin gelebt. Zwei, drei Monate ohne Begegnung waren da normal. Eine Smartphone-App hatte uns Nähe ermöglicht: "Couple" – so hieß dieses soziale Netzwerk für zwei. Wir haben uns gezeigt, wo wir gerade waren, haben Bilder getauscht, haben uns unseren Alltag aufs Handy geschickt. Der Clou war der "Thumb-Kiss", der Daumenkuss. Waren wir beide online, konnten wir unseren Daumen aufs Display legen, jeder den Daumenabdruck des anderen sehen. Wenn sich beide berührten, wurde das Display rot und die Handys vibrierten. Leider gibt es diese wunderbare App nicht mehr.

Dabei wäre ein Thumb-Kiss oder mehr noch eine Umarmung in diesen Tagen Gold wert – selbst wenn sie nur virtuell wäre. Denn wie beruhigt man, wie tröstet man, wenn der Partner angesichts der Pandemie panisch wird? Wenn er über Kratzen im Hals erschrickt und fest überzeugt ist: Jetzt habe ich es auch!

Spielen lenkt ab
In solchen Momenten telefonieren wir, sehen uns via Handy-Bildschirm. Das hilft, man kann sich beruhigen. Die Stimme, der Ausdruck, werden in solchen Momenten wichtig. Und wir spielen: Scrabble zum Beispiel. Das lenkt ab und macht Spaß, hat sogar einen gewissen Suchtfaktor. Bis ich in einem Spiel meine letzten Buchstaben anschaute: C-O-R-O-N-A-Q – daraus konnte ich ein Wort legen. Sollte ich wirklich "Corona" legen? Würde ich damit Ängste auslösen? Oder vielleicht ein Schmunzeln? Ich habe "Corona" gelegt. Das Spiel hat dann mein Partner gewonnen – ohne Panik übrigens, denn er ist gesund.

Wir richten uns ein im Getrenntsein, so gut es geht. Ostern wird jeder alleine sein. 355 km Luftlinie sind unüberwindbar in Zeiten von Corona. "Abwesenheit lässt das Herz höherschlagen", sagte Charles M. Schulz, und der Satz geht weiter: "Abwesenheit lässt das Herz höherschlagen, aber sie macht den Rest von dir einsam." Schulz kannte noch kein Handy und kein Fern-Scrabble, womit wir heute wenigstens ein Gefühl von Nähe erreichen können – Herzklopfen inklusive.

Christian Schruff, rbbKultur

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