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Miteinander, mehr oder weniger - Die Bedeutung von Zahlen und Statistiken

Miteinander, mehr oder weniger - unter dieser Kolumnen-Überschrift machen sich unsere Autorinnen und Autoren Gedanken darüber, wie das Virus unseren Alltag verändert, was die Einschränkungen des öffentlichen Lebens für sie oder ihn bedeuten und welche neue Bedeutung manche Dinge jetzt bekommen. Für Jörg Magenau sind das zum Beispiel Zahlen und Statistiken.

Viren sind nicht greifbar. Außerhalb des Elektronenmikroskops sind sie noch nicht einmal sichtbar. Alles, was wir im desinfizierten häuslichen Quarantänedasein von ihnen zu sehen bekommen, sind täglich frische Zahlen: Infizierte, Genesene, Tote und vor allem die heilige Verdoppelungsrate, bezogen auf Länder, Bundesländer, Landkreise. Die tägliche Statistik mag erschrecken oder beruhigen; in jedem Fall sorgt sie dafür, dass draußen in der Welt auch in Zeiten der Krise eine Ordnung herrscht.

Zahlen schaffen Sicherheit
Wo sie zu Statistik gerinnen, wächst mit den Zahlenkolonnen auch die Gewissheit, den Überblick noch nicht verloren zu haben. Viren mögen uns befallen, doch die Oberhoheit hat immer noch der zählende, sichtende, ordnende Mensch. Das ist beruhigend, lange bevor die Verdoppelungsrate auf über 10 Tage angewachsen ist. Experten sagen, das sei eine gute Zahl. Wir wissen das nicht. Sollen Schulen bei 18 wieder öffnen – oder erst bei 20, 2, 3, 24? Sollen wir reizen wie beim Skat? Und bei welcher Zahl geben wir unseren Nachbarn wieder die Hand oder umarmen gar einen Freund?

Zahlen sind Reize
Sie handeln von Ängsten und Hoffnungen. An der Börse weiß man das sowieso. Als Fußballfan, der mit seinem Verein Abstiegskampf gewohnt war, weiß man das auch. Spätestens am Ende der Hinrunde musste der weitere Saisonverlauf durchgerechnet werden, um abzuschätzen, ob die Punktezahl für den Klassenerhalt reichen könnte. Angst und Hoffnung ließen sich tabellarisch austarieren. So ist es auch jetzt, wo die Coronastatistiken die Lücke füllen, die das Fußballwelttheater hinterließ.

Das hat zu ganz neuen Tabellenkonstellationen geführt und schafft merkwürdige Effekte. Die Statistik der getesteten Infizierten im Ländervergleich liest sich dann wie der Medaillenspiegel olympischer Spiele: Die USA unangefochten auf Platz 1. Die Briten rollen das Feld von hinten auf. Die Franzosen sind den Deutschen dicht auf den Fersen. Die Chinesen, vermutlich gedopt, laufen außer Konkurrenz. Zahlen lassen vom wirklichen Leben nicht viel übrig. Sie sind abstrakte Stellvertreter, so wie auch das Resultat eines Fußballspiels nichts von dem erzählt, was sich in den 90 Minuten zuvor tatsächlich auf dem Platz ereignet hat. Doch die Zeit läuft ab, die Zahlen bleiben.

Zahlen bergen ein eigenes Suchtpotential und Ansteckungsrisiko
Man kann ihnen verfallen. Sie bilden das Geschehen nicht ab, sondern schaffen eine Ersatzwirklichkeit, so wie jede Schrift und jedes Zeichensystem die Welt nicht abbildet, sondern bloß darstellt. Die wirklichen Geschichten werden mit der Zahl der Toten des Vortags nicht erzählt. Wer ist gestorben? Und wie? Was für ein Leben ist das gewesen? Was geht verloren? Seltsam genug, dass wir uns plötzlich für all diese Zahlen interessieren, wo doch immer und überall und jederzeit gestorben wird, ohne dass uns das allzu sehr tangiert. Doch jetzt können wir es fühlen. Nicht das Virus. Nicht die Toten. Aber die Zahlen. Sie sind in Quarantänezeiten schon fast die ganze Welt.