Jeanine Meerapfel © Gregor Baron
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Die rbb Kulturgespräche - Jeanine Meerapfel: "Nachdenken, entstehen lassen. Das ist eine große Chance."

Schon im Jahr 2015, dem Jahr in dem Jeanine Meerapfel zur Präsidentin der Berliner Akademie der Künste gewählt wurde, hatte die deutsch-argentinische Filmregisseurin ihr Interesse für europäische Fragen betont. 2020 werde Europa das Schwerpunktthema der Akademie sein, sagte sie in einem Zeitungsinterview. 2020 ist das Jahr der Corona-Krise, und Meerapfel denkt jetzt besonders auch an Europa.

rbbKultur: Frau Meerapfel, wie erleben Sie selbst ganz persönlich die Corona-Krise gerade?

Jeanine Meerapfel: Hauptsächlich, indem ich mich zurückgezogen habe in meine Wohnung, aber ich mache eigentlich alles ähnlich wie ich es immer mache, nur eben nicht persönlich, sondern meist per Video-Konferenz, Telefon oder Email. Also mit der Geschäftsführung der Akademie Fragen bereden, Pläne umprogrammieren, Pläne schmieden, usw. Ich habe nur keinen direkten Kontakt mit Menschen. Das fehlt mir.

rbbKultur: Wie schätzen Sie denn insgesamt die Konsequenzen dieser Situation gerade für die westliche Gesellschaft ein?

Jeanine Meerapfel: Vielleicht das Positive zuerst - Entschleunigung ist vielleicht nicht das Schlechteste, zumindest im Kulturbereich. Vielleicht, dass wir auch einiges infrage stellen können, die Geschwindigkeit, mit der wir leben. Vielleicht, dass wir uns ein bisschen zurücklehnen können und uns fragen können, ob es gut ist, alles zu jeder Zeit und immer verfügbar zu haben. Von einer Stadt in die andere zu reisen, fliegen, von einem Termin zum anderen zu hetzen.

Andererseits wissen wir ja alle, dass die wirtschaftlichen Konsequenzen für die freischaffenden Künstlerinnen und Künstler mit am schwersten sind. Im Großen gesehen ist diese Ausnahmesituation eine große Prüfung für Europa. Ich hoffe, dass Deutschland endlich einsieht, dass wir Ländern wie Italien und Spanien helfen müssen, ökonomisch auch helfen müssen. Und so denken auch viele meiner Mitglieder. Ich höre das in ihren Mails und in den Anrufen, die ich bekomme, dass wir verstehen müssen, wir sind auch auf unsere Nachbarn angewiesen. Und wir sollten nicht vergessen, dass Deutschland nach dem Krieg Milliardenschulden erlassen worden sind.

Na ja, ich kann nur sagen, während und nach dieser Prüfung werden unsere Gesellschaften entweder klüger und etwas solidarischer, was ich hoffe, oder wir driften alle ab in Egoismus und Abgrenzung von dem anderen; was ich befürchte.

rbbKultur: Frau Meerapfel, Sie sehen aber ganz konkret auch eine Chance in der ganzen Krise für die Zukunft?

Jeanine Meerapfel: Ja, tue ich. Tue ich. Wer hat das gesagt, dass Langeweile auch sehr, sehr gut ist für die Kunst. Und, dass wenn man sich zurücksetzt und ein Momentchen nachdenkt und nicht unbedingt konstant eben sich betätigt und rausgeht usw., dass das dazu führen kann, dass wir unsere Welt auch besser verstehen. Und das ist etwas, was ich positiv sehe. Und ich sehe das auch für die Umwelt nicht schlecht, wenn wir nicht mehr so umtriebig wären.

rbbKultur: Die Kunst tut im Moment ja auch eine ganze Menge, Sie wissen das, es gibt Wohnzimmerkonzerte, die im Netz übertragen werden, Ausstellungen im Internet. Was kann die Kunst sonst konkret tun, um diese Krise zu bewältigen, nicht nur so sehr für sich selbst, für die Kunst, sondern wirklich für alle, für die ganze Gesellschaft?

Jeanine Meerapfel: Nun, wir denken darüber nach, wie wir den jungen Künstlern helfen können, zum Beispiel, wir denken darüber nach, dass die Akademie zusammen mit der Gesellschaft der Freunde der Akademie einen Fonds aufmachen kann für junge Künstler, die im Moment nicht wissen, wie sie weitermachen können; die vielleicht schon Aussicht hatten auf eine Art Hilfe und die sie jetzt nicht wahrnehmen können; wo sie nicht reisen können, etc.

Ich glaube aber auch, dass es für Künstler gar nicht so schlecht ist nachzudenken. Überhaupt nachdenken, Entstehen lassen von Ideen, das ist eine große Chance für Kunstschaffende. Um Gedanken wandern zu lassen, auch zu überlegen, wie können wir den anderen helfen, um Ideen zuzulassen, die vielleicht nicht immer in der Hektik des Alltags auftauchen können.

Das Gespräch führte Anja Herzog

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