Berliner Gabenzaun in Friedenau, Handjery-/Prinzregentenstraße; © Daniela May
Bild: Daniela May

Miteinander, mehr oder weniger - Schwierige Hilfe für die Namenlosen – Über Hilfsbereitschaft in Corona-Zeiten

Alle ächzen zur Zeit unter den Restriktionen, die die Verbreitung des Corona-Virus stoppen sollen. Das Murren wächst – aber auch die Hilfsbereitschaft, im Familien- und Freundeskreis und auch darüber hinaus. Und doch zieht sich beim Helfen in Corona-Zeiten eine unsichtbare Trennlinie durch die Gesellschaft. Eine Kolumne von Kirsten Dietrich.

Hilfsbereitschaft ist gar nicht so schwer – wenn man einen Namen hat. Und das meine ich ganz wortwörtlich: dann nämlich, wenn man einen Namen derjenigen Person hat, die Hilfe braucht, lässt sich was organisieren, mit allem gebotenen Abstand natürlich. Ich kaufe zum Beispiel für eine pflegebedürftige Freundin mit angegriffener Atmung ein – das ist simpel zu organisieren, ich kenne ja ihren Namen, konnte sie deshalb ansprechen und meine Hilfe anbieten.

Solche Hilfe im Familien- und Freundeskreis leisten jetzt viele. Und auch übers persönliche Umfeld hinaus lässt sich vieles unterstützen – für die, deren Namen man kennt. Also: für die, die vielleicht wenig haben, aber immerhin so vernetzt sind, dass sie irgendwo bekannt sind. Zettel im Hausflur zur Nachbarschaftshilfe? Klar, für die Namen aus dem Haus. Einkaufshilfe, organisiert von Kirchengemeinde oder Vereinen? Sprechen Sie uns gerne an, füllen Sie unser Formular aus – kein Problem, wenn man so lebt, dass man sich ansprechbar machen kann.

Auch die Lebensmittelausgabe der Tafeln funktioniert jetzt an der Haustür, schließlich haben sich die Kundinnen und Kunden dort angemeldet. Das alles ist wunderbar, hakt im neuen Corona-Alltag vielleicht erstmal, aber: funktioniert. Sehr gut sogar, finde ich und fühle mich in meinem Glauben ans Gute im Menschen bestätigt. Und dann sind da die anderen, die ohne Namen, ohne festen Wohnsitz, ohne den einen wichtigen Anknüpfungspunkt im Netz der Hilfsbereitschaft. Bisher bot die Stadt in ihrer Anonymität vielen ein Auskommen, die genau das vielleicht sogar wollten: nicht so direkt ansprechbar sein, warum auch immer.

Jetzt wird die Anonymität zum Problem. Alle Möglichkeiten, einen wenn auch noch so geringen Lebensunterhalt ohne Nennung des Namens zu verdienen: fallen weg, weil sie Nähe zu möglichst vielen Menschen brauchen, die in der Stadt unterwegs sind. Also: Flaschen sammeln, Straßenzeitungen verkaufen, Musik machen, Betteln, vorm Supermarkt auf den Hund aufpassen. Dieser Markt – und ja, auch das ist ein Markt – ist weggebrochen, und die, die auf ihm aktiv waren, haben in der Regel kein Konto, auf das Unterstützungsgeld für Selbständige überwiesen werden könnte.

Wegen Corona mussten auch die meisten Einrichtungen schließen, die sonst Unterstützung anbieten. Wie in dieser Situation trotzdem Hilfe geleistet werden kann, das finde ich die echte Herausforderung. Und ich staune über die Ideen, die ich bisher gesehen habe. Sei es beim Treffpunkt für arme und von Obdachlosigkeit bedrohte oder betroffene Menschen, der jetzt zumindest jeden Tag für Stunden sein Fenster öffnet: für die Ausgabe von Lebensmitteln, aber auch für Gespräche.

Die Wartepunkte im nötigen Sicherheitsabstand sind mit Kreide auf den Bürgersteig gemalt. Oder auch die Gabenzäune, die es an immer mehr Orten in Berlin gibt: gut erreichbare öffentliche Plätze, an denen Lebensmittel und Hygienebedarf in Plastiktüten aufgehängt sind – gepackt für eine Person, zum Mitnehmen für jede und jeden mit Bedarf. Auch da braucht es natürlich Grundvertrauen – aber bis jetzt scheint es zu funktionieren: Hilfe mit Abstand und anonym – und trotzdem ein Ausdruck von Nähe und Zuwendung.

Kirsten Dietrich, rbbKultur

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