Noten auf dem Klaiver; © Andreas Göbel
Bild: Andreas Göbel

Miteinander, mehr oder weniger - Zeit für Musikentdeckungen

Corona kostet Zeit. Im Homeoffice zum Beispiel, wenn vieles doppelt oder dreifach so lange dauert wie im direkten Miteinander mit den Kolleginnen und Kollegen vor Ort. Corona kann allerdings auch Zeit schenken – wenn anderes wegfällt. Normalerweise besucht Andreas Göbel zahllose Konzerte und Opernaufführungen. Das alles kann derzeit nicht stattfinden oder ist in die Medien verlagert. Wie nutzt der Musikfex die gewonnene Zeit?

Für mich, der ich als ausgebildeter Pianist neben meiner Arbeit als Redakteur immer noch mehrere öffentliche Konzerte pro Jahr spiele, ist das Zeit, die mir jetzt zum Vorbereiten meiner Programme am Klavier bleibt. Nur wann wird es wieder möglich sein, vor Publikum in einem Saal aufzutreten? Das kann im Moment keiner sagen. Soll ich an Stücken arbeiten – auf die Gefahr hin, dass ich sie doch nicht aufführen werde? Aber sich mit Musik am Klavier zu beschäftigen, das macht man ja nicht nur für konkrete Aufführungen. Das macht man, um sich mit der Musik selbst auseinanderzusetzen. Und genau dafür bleibt jetzt mehr Zeit. Zeit für noch genauere Arbeit am Detail.

Zeit fürs Original
Dieses Jahr ist Beethoven-Jahr zum 250. Geburtstag des Komponisten. Und ein schöner Anlass, eine meiner Lieblingssonaten vorzunehmen: die sogenannte "Waldstein-Sonate". Gedruckte Notenausgaben davon gibt es genug. Ich selber habe gut zwei Dutzend davon. Jede ist ein bisschen anders, je nachdem welche Quellen welcher Herausgeber verwendet hat und wie er sie gewichtet.

Neben diesen gedruckten Ausgaben habe ich seit einiger Zeit auch das Faksimile des Autographen, also von Beethovens Original-Handschrift des Werkes. Und genau das habe ich mir jetzt mal auf das Notenpult meines Flügels gestellt. Wirklich einmal genau das spielen, wie es der Meister selbst aufgeschrieben hat. Leichter gesagt als getan. Beethoven hatte eine schreckliche Sauklaue, dazu ständig verbessert, gestrichen, neu geschrieben. Ein einziges Gekrakel. Flüssiges Spielen daraus – eigentlich unmöglich. Aber es schärft den Blick für winzige Details.

Ein Musikfund
Am Beginn des zweiten Satzes wollte ich meinen Augen nicht trauen. Da steht, ja tatsächlich und eindeutig, vor zwei Noten ein Auflösungszeichen: g statt gis. Hatte ich mich in den gedruckten Ausgaben immer verlesen? Also habe ich eine nach der anderen aus dem Regal genommen – überall das gleiche Ergebnis. Das Manuskript mit Beethovens Handschrift sagt etwas anderes. Nun gut – zwei Töne angesichts von mehreren Tausenden, die die ganze Sonate hat. Eine Lappalie? In diesem Fall: ganz klar nein. Das ändert die Harmonie, und wer die Sonate in der üblichen Form kennt, zuckt beim Hören dieser Fassung unter Garantie zusammen.

Und ich freue mich schon drauf, wenn ich wieder Konzerte spielen kann und auch den direkten Austausch mit meinem Publikum vor Ort haben werde. Dass dann hinterher jemand zu mir kommt und sagt: Da müssen Sie sich aber verspielt haben – und ich dann nachweisen kann: im Gegenteil. Genau so wollte es Beethoven. Ein Musikfund, den ich wahrscheinlich ohne die durch Corona bedingte Auszeit nie gemacht hätte.

Andreas Göbel, rbbKultur

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Antwort auf [Ursula Maaß] vom 17.04.2020 um 18:53
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5 Kommentare

  1. 5.

    Liebe Frau Maaß, vielen Dank für Ihre Rückmeldung und Ihr Interesse! Die Konzertdaten finden Sie unter den entsprechenden Portalen, am besten einfach googlen. Allerdings kann ja im Moment niemand sagen, wann wieder Konzerte mit Publikum stattfinden können. Drücken wir die Daumen, dass es nicht mehr allzu lange dauert!

  2. 4.

    Lieber Herr Werner, vielen Dank für Ihre Rückmeldung, ich freue mich sehr. Ich habe auf jeden Fall vor, den Beethoven in dieser Fassung zu spielen. Hoffen wir, dass es bald wieder Konzerte mit Publikum geben kann.

  3. 3.

    Lieber Herr Göbel, können Sie auf dieser Seite angeben,wo und wann Sie wieder Klavierkonzerte geben?Das wäre nett! Vielen Dank!

  4. 2.

    Lieber Herr Göbel , können Sie auf dieser Seite angeben, wo und wann Sie wieder ein Klavierkonzert geben! Vielen Dank!

  5. 1.

    Das hat mir gefallen! Hoffentlich spielt Andreas Göbel diesen Original-Beethoven bei seinen anstehenden Konzerten im Land Brandenburg! Wir kommen, hören und sind gespannt!!!

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