Leere Maß auf bayrischer Tischdecke; © imago-images/Ralph Peters
Bild: imago-images/Ralph Peters

Das Oktoberfest fällt ins Wasser - Corona kippt Wiesn

Überraschend kam die Nachricht nicht. Trotzdem zeigt die gestrige Absage des Münchner Oktoberfestes – die erste seit 70 Jahren – ein weiteres Mal, wie groß das Ausmaß der Corona-Krise ist und dass wir noch eine lange Zeit mit Einschränkungen im öffentlichen Leben rechnen müssen. Tomas Fitzel kommentiert.

Also weiterhin nüchtern bleiben. Kein Rausch, kein Kater, kein Wildbieseln auf einer Wiese, auf der kein einziger Grashalm gedeiht und schon gar keine Orgien, oder was immer auch unsere Bundeskanzlerin dafür hält. Zwar denkt jetzt im Frühling noch keiner an den Herbst, dennoch ist diese Entscheidung keine wirkliche Überraschung. Denn die ungeduldige Frage, wann wird es endlich wieder so sein wie zuvor, ist grundfalsch. Darauf gibt es nur eine Antwort: nie wieder.

Das Oktoberfest in seiner bisherigen Gestalt mit täglich mehreren hunderttausend Besuchern ist so kaum noch vorstellbar. Und nicht nur, weil nach der hoffentlich erfolgreichen Bekämpfung von Corona bald andere, neu mutierte Viren künftig in immer schnellerer Abfolge um den Globus rasen werden. Diese Art von Massenevent ist auch Teil des globalen Problems. Kurz mit dem Billigflieger übers Wochenende irgendwo hin, wo man sein muss laut Instagram, the place to be, als ein Event to go.

Der begeisterte Ausruf beim Fassanstich "O'zapft is" gilt ja weniger dem dünnen Bier, als dem sprudelnden Geldhahn. Über eine Milliarde Euro spült das Oktoberfest jedes Jahr in die Münchner Kassen. Das ist kein Pappenstiel. Nur wie bekommt man diesen Geist wieder in die Flasche? Mit Verboten? Corona – das wird der Sieg aller Party Pooper, Spassbremsen und Kulturkritiker sein.

So sehr das Oktoberfest symptomatisch für all die globalen Probleme des Massentourismus steht, es trägt auch die Lösung in sich. Denn das Oktoberfest ist so erfolgreich, dass es längst weltweit kopiert wird. In den USA, in Brasilien, Kanada, Australien und Japan. Das größte außerhalb Bayerns findet mittlerweile in Qingdao, China statt. China hat längst alle touristischen Hotspots Europas, maßstabsgetreu und hygienisch einwandfrei, nachgebaut. Die Lederhosen und Dirndl, die inzwischen sinnloserweise überall, egal zu welchem Fest auch immer, getragen werden, kommen ohnehin längst auch aus China.

Also statt über die Absage des Oktoberfestes zu jammern, dass dies doch schließlich mehr sei als nur Saufen, Gröhlen, Grabschen und Kotzen, sondern auch eine Kulturinstitution mit vielen Traditionen jenseits davon – wie dem Schichteltheater, in dem man gefahrlos seinen Kopf unter der Guillotine verlieren darf oder dem Flohzirkus –, braucht es ganz viele Oktoberfeste, noch viel mehr, so viele, dass sich pro Fest nicht mehr Besucher darauf tummeln als derzeit auf einer Pegida-Demonstration erlaubt sind oder in einen Flohzirkus hineinpassen. Nur halt mit Abstand.

Tomas Fitzel, rbbKultur

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Kommentarfunktion zum Kommentieren von Beiträgen.