Natascha Freundel © Konstantin Tönnies
Bild: Konstantin Tönnies

Miteinander, mehr oder weniger - Kirche und Kultur

Seit über die Lockerung des Corona-Shutdowns nachgedacht wird, melden sich verschiedene Stimmen mit verschiedenen Vorschlägen. Was ist jetzt wichtig? Was würde den schwierigen Alltag jetzt wirklich bereichern? Für unsere Kolumnistin Natascha Freundel ist die Sache klar: Theater muss sein.

Dezember 2000. Auf der Bühne des Thalia Theaters in Hamburg steht ein Mann und tut – nichts. Kein schöner Mann. Schwere Augen, schwerer Bauch, starrer Blick. Starrt minutenlang ins Publikum, bis man da unten zu schwitzen anfängt. Sich selber im Blick des Mannes sieht. Das Stück – "Liliom" in der Regie von Michael Thalheimer – hatte noch gar nicht richtig begonnen und war schon eine Wucht. Da steht ein Mensch, und ist eine Zumutung, verstockt, verletzlich und sehnsüchtig. Eine Provokation, weil er im Theater kein Theater spielt. Bald wurde links und rechts getuschelt und gebuht, und die Buhrufe mehrten sich, als der Mann – Peter Kurth – und die Frau – Fritzi Haberland – sich sehr bald sehr direkt und sehr wortlos an die Wäsche gingen.

Kirche ohne Trost
Diese Woche musste ich wieder an die Eingangsszene von "Liliom" denken, als in den Nachrichten gesagt wurde, viele würden jetzt fordern, dass die Kirchen endlich geöffnet werden. Armin Laschet vorneweg: "Wenn man Läden öffnet, darf man auch in Kirchen beten." Gerade jetzt, so heißt es, brauche man die Kirchen als Orte, in denen die Menschen ihre Sorgen loswerden und Trost finden können. Ich versuchte mir vorzustellen, wie ich in der geduckten, finsteren Rosenkranz-Basilika um die Ecke vor dem Gekreuzigten Trost suche. Oder in der helleren, beschaulichen Matthäus-Kirche nebenan. Es klappte nicht. Peter Kurth fiel mir ein. "Liliom" am Thalia. Das ist meine Kirche, die keinen Trost verspricht. Die bloß den nackten Menschen zeigt, verletzlich und sehnsüchtig. Liliom müsste heute vielleicht nur Maske tragen.

Kraft oder Schwäche des Glaubens
Klar, ich bin ein Heidenkind aus dem Osten. Für den Glauben völlig verdorben von dem Slogan "Religion ist das Opium", Sie wissen schon für wen. Und ich möchte mich gar nicht mokieren über die Kraft oder Schwäche des Glaubens, die gerade die Corona-Krise wieder einmal deutlich zeigte. Über alle Landes- und Religionsgrenzen hinweg mussten die Gebetshäuser geschlossen werden, wie auch die Fußballstadien, die Fitnesscenter, die Einkaufszentren, und ja, wie die Museen, die Konzerthäuser und die Theater.

Kultur ist kein Luxus
Und jetzt wird es Zeit, dass gerade diese Kultureinrichtungen wieder öffnen. "Wenn man Läden öffnet, darf man auch ins Theater gehen." Könnte man so sagen. Ist aber schräg, dieser Satz. Ich weiß nicht, ob der nordrhein-westfälische Ministerpräsident das Beten in Kirchen mit dem Shoppen in Läden vergleichen wollte, wahrscheinlich nicht. Ich weiß aber auch nicht, ob die schönen Worte etwa der Kulturstaatsministerin Monika Grütters - "Kultur ist kein Luxus, den man sich nur in guten Zeiten leistet" – mehr sind als ein Lippenbekenntnis. Müsste sie jetzt nicht Vorschläge zur Wiederaufnahme des Kunst- und Kulturbetriebs unter Einhaltung der notwendigen Hygiene-Regeln machen? Kreative Ideen braucht das Land, wie die von Dieter Hallervorden am Schlossparktheater. Macht es sich der Berliner Senat mit seinem Beschluss, die Theater müssten bis zum 31. Juli geschlossen bleiben, nicht zu einfach? 

Zur Not mit Maske
1945, lange her, da erstellten die sowjetischen Generäle im befreiten Berlin eine Liste der dringendsten Aufgaben: Die Bäckereien sollten wieder arbeiten; Leichen und Sprengstoffe beseitigt werden; eine Feuerwehr musste her; Notbrücken. Und: Friseure, für freundliche Gesichter. Ganz wichtig: Kinderbetreuung. Auch wichtig: Theater. Das muss man sich mal vorstellen: nach dem Sieg über das vernichtungswütige Hitlerdeutschland sorgten sich die Rotarmisten um das deutsche Theater! Und bald holte das hungrige Berlin in alten und neuen Bühnen wieder Luft. Lachte und weinte. Vielleicht fanden manche Trost im Theater. Vielleicht hatten andere so einen Peter-Kurth-Liliom-Moment: Die Zumutung, den Anderen in seiner Verstocktheit, Verletzlichkeit und Sehnsucht auf der Bühne zu sehen. Und sich darin wiederzuerkennen. Zur Not mit Maske. Damit kennen sich die Theater aus.

Natascha Freundel, rbbKultur

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