Kathrin Röggla © Fredrik von Erichsen dpa/lrs
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Die rbb Kulturgespräche - Kathrin Röggla: "Wir brauchen einen realen Raum."

Die Schriftstellerin Kathrin Röggla, seit 2015 Vizepräsidentin der Akademie der Künste Berlin, sprach mit uns zum heutigen Welttag des Buches im Kulturgespräch über die negativen und positiven Nebeneffekte der Krise, den Kontrast zwischen digitalem und realem Raum und die historische Chance einer nachhaltigen Veränderung der Gesellschaft.

rbbKultur: Frau Röggla, heute ist Welttag des Buches. Ist es aus Ihrer Sicht als Schriftstellerin eine gute Zeit für Bücher? Im Moment haben ja doch einige mehr Zeit zum Lesen. Oder ist es vielleicht eher eine schlechte Zeit, weil Verlage und Buchhandlungen sehr zu leiden haben unter dem Lockdown?

Röggla: Das kann man so pauschal nicht beantworten. Es ist schon sehr schwierig. Die erste Tendenz ist die, dass Großhändler wie Amazon profitieren und Buchhandlungen und Kleinverlage es sehr schwer haben. Ich habe schon mit einigen Autorinnen gesprochen, die ganz verzweifelt waren und gesagt haben, ihr Buch sei eine Totgeburt, welches jetzt im Frühjahr herausgekommen ist. Es ist schon eine heikle Situation und es bleibt abzuwarten, wie sich das weiterentwickelt.

rbbKultur: Der Welttag des Buches findet heute unter besonderen Umständen statt, mit nicht immer schönen Vorzeichen. Frau Röggla, Sie selbst nehmen an einer Veranstaltung teil, organisiert vom "Center for Literature Burg Hülshoff", welche nun nur online stattfinden kann. Was verändert sich denn für Schriftsteller*innen, für Kunstschaffende, wenn Vorträge, Diskussionsrunden, Performances und Konzerte nur noch online stattfinden können?

Röggla: Ökonomisch gesehen ist die Situation sehr schwierig für die zahlreichen, prekär arbeitenden und selbständigen Kunstschaffenden. Es gibt viel weniger Geld dafür. Zum anderen gibt es viele skurrile Effekte des digitalen Schubs, der jetzt durch den Bildungs- und Kulturbereich geht. Es ist auch mitunter sozial sehr merkwürdig, wenn man dann nicht mehr im Realraum zusammensitzt, sondern über Zoom verbunden ist. Es ist spannend. Es verbirgt sich auch eine Chance  darin, über das Digitale sehr viel schneller reagieren zu können. Aber das Digitale ist ein Ort, der gleichzeitig teilt und trennt. Da geht es um Schwellen: wer hat Zugang, wer hat die Endgeräte? Wer hat das Know How? Wer kommt da vor? Es ist ein Verstärker vom Denken im Mainstream, insofern ist es auch ein schlechter Ort. Wir brauchen den realen Raum.

rbbKultur: Wir sind jetzt einige Wochen schon in dieser Situation, dass auf der Bühne nichts stattfinden kann, es kein Publikum gibt und wir alles online machen. Ich hatte den Eindruck, am Anfang setzte das sehr viel Kreativität frei und viele dachten, es geht auch ohne Kontakt, dass vielleicht sogar die besseren Versionen entstehen können. Mittlerweile mag mancher ermüdet sein und merkt, es handelt sich nur um einen Ersatz. Vielleicht ist es ganz gut, dass wir uns nun wieder auf die normalen Live-Formen zurückbesinnen und uns auf das Echte wieder freuen können?

Röggla: Natürlich freuen wir uns darauf. Es gibt auch Nebeneffekte, dass wir zum Beispiel im Theater Aufführungen sehen können, die vor 30 Jahren auf die Bühne gekommen sind. Es findet also eine Art Historisierung statt, die aus der Geschichte des Theaters Dinge herausholt. Das ist zum Beispiel etwas ganz Tolles. Ich erlebe dabei jetzt keine Rückbesinnung, sondern ein weiteres Einlassen auf die Isolation und die Entstehung von ganz eigenen Formaten. Doch es hat sicher Grenzen. Das ist immer auch eine Verbindung von Privatraum und öffentlichem Raum. Da bewegt sich etwas, was wir im großen Raum auch erleben. Es gibt keinen Raum, der wirklich privat ist.

rbbKultur: Entsteht durch diese gemeinsame Isolation paradoxerweise vielleicht auch eine besondere Gemeinsamkeit oder mehr Empathie?

Röggla: Ich denke schon, im ersten Moment entsteht eine Art Egalisierung der Pandemie. Wir haben alle die gleiche Angst, den Virus zu kriegen. Wie dann damit gesellschaftlich umgegangen wird, ist sehr unterschiedlich. Die Situationen von Geflüchteten, von Häftlingen, von alten Menschen in Altenheimen ist eine ganz andere, als die von alleinerziehenden Müttern oder von Menschen, die die ganze Zeit alleine zu Hause sind. Es gibt sehr unterschiedliche Situationen, die ganz unterschiedliche Geschichten erzählen. Da gibt es durchaus eine ganz große Diversität, die man nicht auf einen Punkt bringen kann. Es werden dabei leider auch die sozialen Unterschiede verstärkt. Es ist etwas ganz anderes, wenn ich kein Geld habe und keinen Wohnraum, als wenn ich behaglich auf meinem Sofa sitzen kann und weiß, ich habe Geld auf dem Konto. Aber es gibt natürlich auch sehr viel nachbarschaftliche Hilfe, sehr viel Miteinander.

rbbKultur: Es wird in dieser Zeit gerne von einer Zäsur gesprochen. Glauben Sie das auch, Frau Röggla? Was könnte sich denn nachhaltig zum Positiven verändern?

Röggla: Es ist schon eine sehr spannende Situation. Seit langer Zeit erleben wir einen historischen Moment, in dem sich etwas ändert. Wir sind mit etwas konfrontiert, was nicht morgen vorbei ist. Wir haben nicht mehr business as usual. Allein diese Veränderungen wird etwas erzeugen. Vom einzelnen Lebenslauf, der sich verändert, dass man sagt "So möchte ich nicht mehr leben", "Ich mache jetzt etwas anders", hin zu einer anderen Priorisierung, einem sorgfältigeren Umgang mit den Ressourcen, mit dem, was wichtig ist. Man kann nur hoffen, dass sich etwas nachhaltig verändert, denn wir lebten ja über unsere Verhältnisse weit hinaus. Wenn man sich den Klimawandel anguckt, habe ich die Hoffnung, dass wir daraus etwas lernen und etwas mitnehmen und nicht einfach zurückkehren. Es gibt ganz viele Geschichten, die sich politisch verstetigen könnten.

Das Gespräch führte Anja Herzog

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rbb Kulturgespräche mit Harald Welzer (© Gregor Baron), Jeanine Meerapfel, Jutta Allmendinger (© ), Inka Löwendorf (© Carsten Kampf), Jürgen Flimm (© Carsten Kampf), Ulrich Matthes (© Carsten Kampf), Ilija Trojanow (©), Bénedicte Savoy (© ) und Andreas Dresen (© ); Montage: rbbKultur
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