Albrecht Selge © Gregor Baron
Bild: Gregor Baron

- Wie erfolgreich ist es im Netz fürs Klima zu streiken?!

Monatelang sorgten die jugendlichen Demonstrierenden für Aufsehen: Jeden Freitag schwänzten sie die Schule, um gegen den Klimawandel zu protestieren. Corona schob jeglichen Demonstrationen und Menschenansammlungen vorläufig einen Riegel vor. Die Lösung für das Problem liegt wie so oft im Internet: Fridays for Future findet weiter statt und heißt nun #NetzstreikFürsKlima. Nie war Protest so leicht. Ein Kommentar von Albrecht Selge.

Klima – da war doch was?

Seit wir uns wegen der Corona-Krise im Lockdown befinden, über einen Monat also, hat es in Deutschland nicht mehr geregnet. Weiterhin herrliches Wetter, war gerade wieder im Fernsehen zu hören ... Na klar, für uns Klimaendverbraucher fühlt sie sich sogar angenehm an, diese Frühlingsdürre. Sommerstimmung im April – ein Umstand, der das eigentlich erwünschte zuhause bleiben nicht gerade erleichtert …

Eine Demo ist eine Demo

Wer tatsächlich zuhause bleibt, sind die Klimademonstranten. Heute findet wieder ein weltweiter Klimastreik statt, aber diesmal ist alles anders. Was war das für eine gewaltige Aufbruchstimmung, als im letzten September weltweit Millionen Menschen auf die Straße gingen, um einen entschlosseneren Kampf gegen den Klimawandel zu fordern! Die Ernüchterung seitdem ist groß, das Interesse am Klimathema abgeflaut, erst recht, seit die Covid-19-Bedrohung unser Leben im Griff hält. Den heutigen Klimastreik haben die Organisatoren frühzeitig ins Internet verlegt.

Die Verlegung ist eine verantwortungsvolle Entscheidung, aber natürlich trotzdem eine Notlösung. Keine Frage, dass bei den bisherigen Klimademos – ich habe das bei meinem Sohn und seinen Freunden gesehen – das Gemeinschaftserlebnis ein wichtiger Faktor war. Dabei geht es aber nicht nur um Spaß, wie gehässige Kritiker behaupten, sondern auch um persönliche Kontakte und Austausch von Informationen. Das fehlt, schmerzlich.

Auf der anderen Seite aber war auch bisher schon die Präsenz im Netz für die Wucht der Klimaschutzbewegung entscheidend. Eine Demo ist eine Demo, aber sie ist nichts ohne ihre unendlichen Echos auf Instagram, Facebook, Twitter & Co. Vielleicht beschleunigt die Notlösung also nur die Entwicklung neuer Protestformen, die ohnehin stattfindet.

Auf einmal geht’s – und wie!

Und auch wenn die Öffentlichkeit sich gerade kaum fürs Klima zu interessieren scheint, könnte die Corona-Krise ein Augenöffner dafür sein, was politisch möglich wäre: Seien es im Großen die vielen Milliarden Euro, die zur Abfederung der Wirtschaftskrise rausgefeuert werden, oder im Kleinen der plötzlich rasante Ausbau von Radwegen und Fußgängerzonen in Berlin, Paris, Mailand oder Brüssel. Auf einmal geht’s – und wie!

Und, vielleicht noch wichtiger, auf einmal geht’s auch, dass die Politik ihre Entscheidungen in enger Abstimmung mit der Wissenschaft trifft. So offene Ohren, wie die Politik jetzt für Virologen hat, hätten sich auch viele Klimaforscher gewünscht. Aber noch ist ja und wird wieder Gelegenheit dazu. Die bewundernswert unfrustrierten Klimademonstranten im Netz – junge Leute von Berlin bis New York, von Kenia bis Kabul – erinnern uns heute daran: Ja, da war noch was. Etwas, wogegen uns kein Impfstoff helfen wird, auf den wir nur geduldig warten müssen.

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